Prof. Chris Seh Hong Lim, Anatomieprofessor am MGH Institute of Health Professions und an der Harvard Medical School in Boston, unterrichtet seit Anfang November 2025 vier Wochen als Gastdozent im Rahmen des Visiting Professorship Programms der UR Anatomie an der Universität Regensburg. 

In einem Interview bringt er die Unterschiede zwischen der Medizinausbildung in den USA und Deutschland in auf den Punkt. Der Aufenthalt entstand durch den Kontakt mit Prof. Silke Härteis, Professorin für Molekulare und Zelluläre Anatomie an der Universität Regensburg. Sie und zwei ihrer Doktoranden haben 2024 und Anfang 2025 einige Wochen an der Harvard Medical School in Boston hospitiert.

Intensität und Datailliertheit

Die Medizinausbildung in Deutschland und den USA folgt unterschiedlichen Logiken – geprägt von Traditionen, Zeitstrukturen und pädagogischen Grundhaltungen, das wird im Gespräch schnell klar. Einer der deutlichsten Unterschiede betrifft die Intensität des Anatomieunterrichts. In Deutschland lernen Studierende Anatomie intensiv und detailliert schon im ersten Semester. Sie beschäftigen sich nicht nur mit der großen Übersicht, sondern schon mit kleinsten Muskelgruppen, feinen Hautnerven und deren Innervation – eine Tiefe, die in den USA zunächst zurückgestellt wird. Dort ist das Curriculum kürzer und komprimierter und manche Inhalte werden erst späterer in der Ausbildung wieder aufgegriffen. US-Studierende kehren häufig im dritten oder vierten Jahr in den Präpariersaal zurück, dann aber mit dem klinischen Wissen, das viele Zusammenhänge verständlicher macht. 

Der Faktor Studienzeit

„Unsere Studierenden trinken nicht aus dem Glas, sondern aus dem Hydranten“, sagt der Gastprofessor über das US-System, das in rasendem Tempo Wissen vermittelt, im Vertrauen darauf, dass sich manches erst im Klinikalltag vollständig erschließt. In Deutschland hingegen sei der Einstieg „behutsamer“: von der Präparation von Körperspendern bis hin zur systematischen Vertiefung in den folgenden Semestern. Der Grund für diese Unterschiede liegt sicher auch an der Studiendauer: In den USA bleibt den Studierenden nur vier Jahre, um sich das gesamte Medizinwissen zu erarbeiten; hierzulande immerhin sechs Jahre. 

Was Prof. Lim vom Regensburger Unterricht mitnimmt? „Die Frage, wie wir zukünftig zusätzliche, teils sehr detaillierte Inhalte in einen ohnehin bereits überfrachteten Studienplan integrieren könnten. Während Studierende in Deutschland mehr Zeit für ihr Studium haben und sich komplexe Strukturen Schritt für Schritt erarbeiten können, fehlt in den USA dieser Freiraum. Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem aktuellen Kontext würde ich gerne in unser Curriculum übernehmen, doch der enge zeitliche Rahmen macht dies zu einer schwierigen Aufgabe“, antwortet Lim.

Visualisierungen

Die größte Hürde des modernen Anatomieunterrichts liegt nach Einschätzung des US-Professors nicht im Auswendiglernen von Strukturen wie Muskeln, Nerven und Bindegewebe, sondern in der Übertragung auf CT-, MRT- und Ultraschallbilder, also die Anwendung im klinischen Alltag. Dies erfordert nicht nur ein Verständnis für die relative Lage von Organen im Körper, sondern auch für die Wechselwirkung mit benachbarten Strukturen. Genau dort setzt Prof. Lims vierwöchiger Intensivkurs in Regensburg an: Querschnittsanatomie, 3D-Modelle, Orientierung an Ebenen und Räumen, systematische Vergleiche zwischen Präparat und Bildgebung. Solche Ansätze seien in vielen Curricula unterrepräsentiert, aber hochwirksam. Virtual und Augmented Reality werden in den USA ergänzend eingesetzt. In Regensburg nutzt er klassische Visualisierungen. Und davon haben die Regensburger Studierenden bereits erste Kostproben bekommen: Der Gastprofessor legt sich selbst auf den Tisch oder nutzt seinen Schuh, um die Lage des Herzens anschaulich zu erklären; ein Beispiel für seinen Ansatz, Inhalte nicht nur theoretisch, sondern anschaulich zu vermitteln.

Sinkende Aufmerksamkeitsspanne und Noteninflation

Auch digitale Formate spielen für die Ausbildung in den USA eine immer größere Rolle. „Studien zeigen, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Studierenden stark gesunken sind“, sagt Lim. Deshalb setzt der US-Unterricht zunehmend auf kurze Videos zwischen zwölf und fünfzehn Minuten Länge. Längere Präsenzblöcke von 45 bis 90 Minuten dienen der Vertiefung, während das vorbereitende Video-Material online bereitgestellt wird. Dieser Trend wird zusätzlich verstärkt durch den Studierenden-orientierten-Ansatz in den USA: Hohe Studienkosten, teilweise über 100.000 Dollar pro Jahr, schaffen eine Kultur, in der Studierende und Eltern Lehre als Dienstleistung betrachten. Und das führe zu einem zweifelhaften Trend: „Das Niveau von Ausbildung und Prüfungen wird abgesenkt, um Studierende und Eltern zufriedenzustellen“, so Lim. Das zeige sich in einer zunehmenden Noteninflation. Prüfungen würden vielerorts leichter, weil Studienabbrüche enorme finanzielle Konsequenzen nach sich zögen. Während früher die Durchschnittsnoten bei etwa 80 Punkten (von 100 möglichen) lagen, sind die Werte heute auf 90 gestiegen.

Einzelbetreuung und Eigenverantwortung

Trotz dieser Entwicklungen ist das US-System keineswegs ein Selbstläufer. Die Zulassung zum Medizinstudium dort ist extrem kompetitiv. Spitzenuniversitäten wie Harvard akzeptieren teils nur rund drei Prozent aller Bewerberinnen und Bewerber. In Deutschland ist das Verhältnis anders: Hier wird das Medizinstudium über die Abiturnote strikt gesteuert. „An der Universität Regensburg beginnen jedes Jahr 330 Studierende ein Humanmedizinstudium“, sagt Härteis. Während an der Elite-Uni Harvard erheblicher Aufwand betrieben werde, um einzelne leistungsschwache Studierende zu unterstützen, bis hin zu intensiver Einzelbetreuung in großen Kursen, setze man hierzulande stärker auf Eigenverantwortung. Hier können Prüfungen mehrfach wiederholt werden, ohne dass eine vertiefte individuelle Förderung vorgesehen ist. Der Kontrast zeigt, wie unterschiedlich Hochschulen mit Lernschwierigkeiten umgehen und welche pädagogischen Philosophien dahinterstehen.

Nachwuchsmangel

Der Blick des Gastes geht aber über die Studierenden hinaus. In den USA gibt es seit Jahrzehnten einen spürbaren Mangel an wissenschaftlichem Nachwuchs im Fach Anatomie. Weniger als 20 neue Anatomen schließen dort jährlich ihr Studium ab. Das Programm „Anatomy Educator Shortage“ dokumentiere die Besetzungskrise: „65 Prozent der Lehrstühle melden Schwierigkeiten, geeignete Professorinnen und Professoren zu finden, und rund ein Fünftel aller Stellen ist unbesetzt“, so Lim. Der Grund: In den USA muss man sich schon frühzeitig im Studium für das Fach Anatomie entscheiden, in Deutschland ist das anders.

Fehlende Fördermittel

Viele Fakultäten arbeiten in den USA mit minimalen Teams, die Lehre und Klinik für ganze Standorte verantworten. Forschung wird dabei zunehmend schwieriger; Kolleginnen und Kollegen schließen außerdem im Moment ganze Labore, weil Fördermittel fehlen. Diese Situation öffnet zugleich internationale Türen. Gerade angesichts der politischen Lage in den USA denken viele Forscherinnen und Forscher über einen Wechsel nach Europa nach. Auch der Gastprofessor selbst erwägt mittelfristig einen Umzug, auch wenn dies mit sprachlichen Hürden verbunden ist.
Die Medizinausbildung in Deutschland und den USA könnte auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Der Besuch zeigt aber, dass beide Länder voneinander lernen können. Deutschland überzeugt durch Tiefe, Zeit und Struktur; die USA durch klinischen Fokus und digitale Effizienz. Vielleicht liegt die Zukunft der Medizin nicht in nationalen Lösungen, sondern im offenen Austausch, der Stärken verbindet und Schwächen ausgleicht.

Kontakt

Prof. Dr. Silke Härteis
Institut für Molekulare und Zelluläre Anatomie
Universität Regensburg
Tel: +49 (0)941 943-2879
E-Mail: silke.haerteis@ur.de

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