Wie entsteht Kunst? Braucht es dafür vor allem Talent oder vielmehr Neugier, Ausdauer und einen geschulten Blick? Genau diesen Fragen widmet sich die aktuelle Folge des Wissenschaftspodcasts „Gasthörer“. Im Gespräch gibt Professorin Birgit Eiglsperger, Bildhauerin, Grafikerin und Professorin für Bildende Kunst und Ästhetische Erziehung, spannende Einblicke in ihre Arbeit als Künstlerin und Hochschullehrerin. Schnell wird deutlich, dass Kunst weit mehr ist als das Erlernen handwerklicher Techniken. Sie ist eine Schule der Wahrnehmung, ein Experimentierfeld für kreative Ideen und ein wichtiger Bestandteil persönlicher Entwicklung.

Kunst beginnt mit dem Sehen

Ein berühmtes Goethe-Zitat lautet: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ Genau darin sieht Birgit Eiglsperger eine der wichtigsten Aufgaben künstlerischer Bildung. Kunst lehrt uns, genauer hinzusehen, Zusammenhänge zu erkennen und unsere Wahrnehmung zu verfeinern. Gerade in einer Zeit, in der Informationen in rasanter Geschwindigkeit auf uns einströmen und viele Eindrücke nur flüchtig verarbeitet werden, wird das bewusste Beobachten zu einer wertvollen Fähigkeit. Kunst fordert dazu auf, innezuhalten, genauer hinzusehen und sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen.

Diese geschärfte Wahrnehmung entwickelt sich jedoch nicht von selbst, sondern entsteht durch Übung. Wer sich bewusst Zeit nimmt, ein Kunstwerk länger zu betrachten, entdeckt häufig Details, die zunächst verborgen geblieben sind. Ebenso hilfreich ist es, Fragen an das Werk zu stellen und die eigene Reaktion darauf zu reflektieren. Auch das regelmäßige Zeichnen kleiner Alltagsszenen oder das bewusste Wechseln der Perspektive schult den Blick und hilft dabei, Formen, Licht, Strukturen und Proportionen differenzierter wahrzunehmen. Kunst wird dadurch nicht nur zu einem Mittel des Ausdrucks, sondern auch zu einer Methode, die Welt intensiver zu erleben.

Ausprobieren, verändern, neu entdecken

Ein weiterer Schwerpunkt der Podcastfolge liegt auf dem kreativen Prozess selbst. Birgit Eiglsperger beschreibt ihren eigenen künstlerischen Werdegang als offen und experimentell. Sie habe sich nie bewusst auf eine bestimmte Technik festgelegt, sondern sich immer von ihrer Neugier leiten lassen. So entstanden Arbeiten in der Druckgrafik, im Farbholzschnitt oder in der Bildhauerei ebenso selbstverständlich wie Skulpturen aus ungewöhnlichen Materialien. Dabei wird deutlich, dass Materialien keineswegs nur Mittel zum Zweck sind: Sie prägen die Wirkung eines Kunstwerks entscheidend, und Material, Form und künstlerische Idee sind eng miteinander verbunden.

Vom Können zum eigenen Ausdruck

Im Folgenden geht es um die künstlerische Ausbildung an der Universität Regensburg: Zwar bringen die Studierenden natürlich bereits eigene Arbeiten und Erfahrungen mit, doch das Studium verfolgt weit mehr als das Ziel, technische Fertigkeiten zu vertiefen und verbessern. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Haltung. Birgit Eiglsperger betont, dass Talent zwar hilfreich sei, langfristig jedoch Ausdauer, Offenheit und die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterentwicklung entscheidender seien. Kunst entsteht nicht durch Genialität allein, sondern durch intensive Auseinandersetzung, Übung und Reflexion.

Ein wichtiger Bestandteil dieses Entwicklungsprozesses ist neben der Begleitung durch die Lehrenden auch der Austausch der Studierenden untereinander innerhalb der Ateliers. Offene Arbeitsräume schaffen Möglichkeiten, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu inspirieren und konstruktive Rückmeldungen zu erhalten. Gerade diese Gespräche helfen vielen Studierenden dabei, die eigene Position zu schärfen und neue Perspektiven auf die eigene Arbeit zu gewinnen.

Wie dieser Austausch in der Praxis aussieht, wird durch einen kleinen Exkurs aus dem Studio erfahrbar: Am Tag der offenen Ateliers besuchen wir die Arbeitsräume der Studierenden und sprechen mit Lars Konert – er arbeitet am Institut als studentische Hilfskraft und gibt Einblicke in den Atelieralltag in der Bildhauereiwerkstatt.

Inspiration und Präsentation

Ein weiterer Bestandteil der künstlerischen Ausbildung sind Exkursionen. Sie ermöglichen es den Studierenden, Kunst, Architektur und Landschaften unmittelbar zu erleben und ihre Wahrnehmung vor Ort zu schärfen. Die unmittelbare Begegnung mit Raum, Licht und Atmosphäre eröffnet neue Perspektiven und liefert wertvolle Impulse für die eigene künstlerische Arbeit.

Ebenso wichtig sind Ausstellungen. Sie sind weit mehr als Gelegenheiten, fertige Werke zu präsentieren. Wer die eigenen Arbeiten öffentlich zeigt, setzt sich intensiv mit Fragen der Inszenierung, der Kommunikation und der Wirkung auseinander. Auch der Umgang mit Rückmeldungen gehört zu diesem Lernprozess – Lob und konstruktive Kritik helfen dabei, die eigene Arbeit weiterzuentwickeln, den persönlichen Stil zu schärfen und Selbstvertrauen für den weiteren künstlerischen Weg zu gewinnen.

Auch hier verlässt der Podcast noch einmal das Studio: Bei einem Besuch der „Kunstschau“ spricht Moderatorin Katharina mit der Masterstudentin Eliška Strnadová, die dort eines ihrer Werke präsentiert. Sie gibt Einblicke in ihre künstlerische Arbeit, erzählt von der Entstehung des Werks und davon, welche Bedeutung es hat, die eigenen Arbeiten in einer Ausstellung einem Publikum zugänglich zu machen.

Zwischen Atelier und Forschung

Ein besonderes Anliegen des Instituts für Bildende Kunst und Ästhetische Erziehung an der Universität Regensburg ist außerdem die enge Verbindung von künstlerischer Praxis und wissenschaftlicher Reflexion. Studierende setzen sich nicht nur praktisch mit Gestaltung auseinander, sondern analysieren auch Wahrnehmungsprozesse, kunsttheoretische Fragestellungen und ästhetische Konzepte. Dabei fließen Erkenntnisse aus der Wahrnehmungspsychologie, der Philosophie, der Kunstgeschichte und den Bildungswissenschaften zusammen. Diese interdisziplinäre Perspektive zeigt deutlich, dass Kunst und Wissenschaft keine Gegensätze darstellen, sondern sich gegenseitig bereichern können. Die theoretische Auseinandersetzung vertieft das Verständnis für den eigenen kreativen Prozess und eröffnet neue Blickwinkel auf das eigene Schaffen.

Die Podcastfolge macht insgesamt deutlich, dass Kunst weit mehr ist als das Erschaffen ästhetischer Objekte. Sie verändert unseren Blick auf die Welt. Sie fordert dazu auf, genauer hinzusehen, Fragen zu stellen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und offen für neue Erfahrungen zu bleiben. Gleichzeitig zeigt das Gespräch, dass künstlerisches Arbeiten immer auch ein Prozess des Lernens, Experimentierens und Reflektierens ist. Gerade diese Verbindung aus Wahrnehmung, Kreativität, handwerklichem Können und wissenschaftlicher Auseinandersetzung macht die bildende Kunst zu einem Feld, das weit über das Atelier hinausreicht. Wer sich auf diesen Prozess einlässt, entdeckt nicht nur neue Ausdrucksmöglichkeiten, sondern entwickelt auch einen aufmerksameren und bewussteren Blick auf die Welt.

Die komplette Podcastfolge können Sie direkt hier anhören:

 

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Comments

Lieber Bock,

vielen Dank für Ihren Kommentar - wie schön zu lesen, dass der Podcast Sie so zum Nachdenken über das Thema angeregt hat! Herzliche Grüße, Katharina Herkommer

Kunst, heißt es, beginne mit dem Sehen. Das erklärt möglicherweise, warum so viele Museumsbesucher fünf Minuten vor einem weißen Quadrat stehen und anschließend behaupten, sie hätten eine tiefe gesellschaftliche Spannung erkannt.

Dennoch steckt in diesem Beitrag eine unbequeme Wahrheit. Wahrnehmung ist keine Selbstverständlichkeit. Die meisten Menschen gehen durch die Welt wie Paketboten mit Zeitdruck: Hauptsache ankommen, bloß nicht nach links oder rechts schauen. Künstler hingegen bleiben stehen, betrachten einen Schatten an einer Hauswand zwanzig Minuten lang und nennen das Arbeit. Erstaunlicherweise haben sie oft recht.

Besonders sympathisch finde ich den Gedanken, dass Talent überschätzt wird. Das beruhigt all jene, die seit Jahren darauf warten, vom Genie geküsst zu werden, während sie das Sofa bewachen. Die Muse erscheint nämlich bevorzugt dort, wo bereits gearbeitet wird.

Vielleicht erfüllt Kunst ohnehin einen sehr praktischen Zweck. Sie erinnert uns daran, dass nicht alles effizient, messbar oder sofort nützlich sein muss. In einer Welt voller Algorithmen, Kennzahlen und Produktivitätsratgeber ist das beinahe ein revolutionärer Gedanke.

Und wer gelernt hat, wirklich hinzusehen, erkennt mit etwas Glück sogar, dass ein leeres Blatt Papier manchmal nur ein leeres Blatt Papier ist. Auch das ist eine wertvolle Einsicht. ?

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