Der Rächer

Zu Beginn seiner Ausführungen hält Arnd Henze ein mächtiges schwarzes Buch in die Höhe. Die Goldprägung auf dem Umschlag zeigt Stars-and-Stripes. Es ist The Holy Bible, Presidential Edition. In der Mitte des Covers prangt kein Kreuz, sondern das Siegel des Donald Trump, President of the United States. „Das ist ein Macht-Siegel“, sagt Henze.
„Wo es drauf ist, ist die Macht des Weißen Hauses und des Amtsinhabers aktenkundig. Und natürlich handelt es sich nicht um ein Siegel, sondern um das Siegel von Donald Trump. Das Ganze ist für 99,99 Dollar zu haben, in China gedruckt und von den Zöllen ausdrücklich befreit.“ Das Publikum amüsiert sich sehr.
Das Evangelische Bildungswerk Regensburg e. V. (EBR) und der Regensburger Leibniz-WissenschaftsCampus (LWC) „Europa und Amerika“ luden im Juli 2026 ein, mit dem Publizisten und Journalisten Arnd Henze zu sprechen. Das Publikum, viele mit öffentlich-rechtlichem Fernsehen sozialisiert, kennt Henze als einen USA-Korrespondenten des ARD-Studios, etwa von seinen Beiträgen im Weltspiegel. Mit ihm diskutiert der Amerikanist Professor Dr. Volker Depkat von der Universität Regensburg.
MAGA, Christentum, Nationalismus
Es geht also recht vergnüglich los an dem Abend, zu dem Sandra Fröhling (EBR) und Dr. Paul Vickers (LWC) begrüßen, und es bleibt den ganzen Abend trotz 40 Grad kurzweilig. Das liegt daran, dass Henze und Depkat das US-amerikanische Zeitgeschehen seit vielen Jahren nicht nur beobachten, erklären und kommentieren. Sie sind auch eloquent und rhetorisch versiert. Und sie liefern uns ein weiteres Puzzleteil beim Versuch, die Entwicklung in den USA zu verstehen.
Henze zeigt uns die präsidiale Bibel, weil sie symptomatisch sei, für die „Verbindung von Religion, Patriotismus, Kitsch, Macht, Kommerz und Personenkult“, die uns mit und um Donald Trump begegnen, „Elemente, die die MAGA-Bewegung heute auszeichnen“.
Hinzu komme Frömmigkeit und noch ein weiterer Faktor mit Glaubenscharakter: Verschwörungserzählungen. „Wer zur MAGA-Bewegung gehört oder gehören will, der muss aber glauben, dass die Präsidentschaftswahl von 2020 gefälscht war“, sagt Henze. Am liebsten möchte Henze die evangelikale Bewegung, von der 75 Prozent hinter Donald Trump stünden, fragen: „Wo habt ihr euch eigentlich verloren?“
„Christlicher Nationalismus“ wird zu einem wiederkehrenden Begriff an diesem Abend, er gehört zu dem, was die MAGA-Bewegung antreibt. Ein Hilfsbegriff, räumt Henze ein, und auch Depkat scheint nicht wirklich glücklich über den Begriff zu sein. Dieser werde an seinen inneren Widersprüchen irgendwann zugrunde gehen, vermutet der Wissenschaftler, „weil sich Nation und Transnation nicht zusammendenken lassen“. Eine christliche Gemeinschaft sei eine transnationale Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Gläubigen auf Basis christlicher Lehre und der Bibel als Offenbarungstext. Eine nationale Gemeinschaft sei demgegenüber immer partikular, setze sich ab von anderen Nationen, habe keinen universalen Anspruch.
Kampf und Vergeltung
Noch einmal zurück zur Bibel und zu Donald Trump. Als die bibeltreuen Evangelikalen für die Präsidentschaftswahl 2024 ihren Kandidaten auserkoren, entschieden sie sich nicht für einen der ihren, sondern für Donald Trump. Gegenkandidat Ron DeSantis, Gouverneur von Florida. Er galt als „Klassenbester der evangelikalen Szene“, erzählt Henze. DeSantis war eigentlich der Prototyp des frommen Politikers.
Dennoch fiel die Wahl auf Trump: einen „Systemsprenger, der die Verachtung für den Rechtsstaat geradezu kultiviert und inszeniert, der die Geringschätzung demokratischer Institutionen und der Begrenzung politischer Macht ins Zentrum seiner Rhetorik rücken konnte“.
Hatte Trump seiner Wählerschaft 2016 noch versprochen, ihre Stimme zu sein, „I am your voice“, präsentierte er sich im Kampf um seine zweite Präsidentschaft als Kämpfer und Rächer, sagt Henze. In einer Gesellschaft, die ein imaginiertes Bild pflege, was Amerika ausmacht und wie ein christliches Amerika aussehen muss, gefiel das. Die sich häufig anschließende Frage, „wer dieses Amerika kaputt gemacht hat“, beantwortete Trump auch. Und er versprach, die angeblichen Zerstörer zur Rechenschaft zu ziehen.
„I am your fighter, I am your warrior, I am your retribution“, zitiert Henze Trump. Dieser Dreiklang, ein Versprechen von Schutz, Kampf und Vergeltung, sei attraktiver gewesen als alles, was andere Akteure aus dem evangelikalen Spektrum hätten anbieten können.
Gottes Werkzeug
Weil Henze nicht nur ein erfolgreicher Journalist, sondern auch Mitglied der EKD und Diplom-Theologe ist, zitiert er auch die relevanten Bibelstellen, etwa die um die biblische Figur des Perserkönigs Kyros. Mit dieser Überlegung habe sich die MAGA-Bewegung leicht damit arrangieren können, dass Gott manchmal auch Unfromme nutze, um den Frommen Gutes zu tun, sagt Henze: „Das war Trumps unique selling point: Er konnte als Unfrommer Dinge tun, die fromme Menschen eben nicht tun können.“
Mit der Stilisierung Trumps als von Gott gesandtes Werkzeug habe er sich als Rächer für die vermeintlichen Demütigungen, die den christlichen Nationalisten in den vergangenen Jahrzehnten widerfuhren, inszeniert, sagt Henze. „Ohne die Macht des Weißen Hauses wäre diese Bewegung vermutlich eine sektiererische Minderheit. Sie würde zwischen Selbstmitleid und Allmachtsfantasien pendeln und höchstens lokal Schaden anrichten. In Verbindung mit der Macht des Präsidenten aber wird sie zu einer weit über die USA hinaus wirkenden zerstörerischen politischen Kraft.“
Zwar habe Trump eine Grenze überschritten, als der Präsident ein von ihm selbst KI-generiertes Bild über Social Media verteilte, auf dem er sich messiasgleich präsentierte. Mit dieser Form der Selbstüberhöhung habe er offenbar das Gespür für seine Anhänger verloren, glaubt Henze. Das sei manchem seiner Unterstützer doch zu weit gegangen. Aber wirklich geschadet hat es Trump offenbar nicht.
Rache wofür?
Henze fordert das Publikum auf, fünf, sechs Jahrzehnte zurückzublicken. Das Schwarze Amerika, Frauen, die queere Community – sie forderten gleiche Rechte. Allmählich gab es Veränderungen. Die US-amerikanische Gesellschaft öffnete sich. Das Muster, „die Demokraten wollen das, die Republikaner verhindern das“ löste sich kontinuierlich auf, sagt Henze. Der Oberste Gerichtshof brachte die Entwicklung voran, immer wieder auch mit den Stimmen von Richtern, die von republikanischen Präsidenten ernannt wurden.
Trump kündigte an, die Zusammensetzung des Obersten Gerichtshofs der USA so zu verändern, dass zentrale Liberalisierungsschritte rückgängig gemacht werden könnten. Er versprach all den Unzufriedenen einen grundlegenden Kurswechsel. Ein Rollback – attraktiv nicht nur für die narzisstisch Gekränkten, sondern auch in die Allmachtsfantasien der religiösen Rechten passend.
Die Liberalisierungs- und Emanzipationsbewegungen würden von vielen religiösen Konservativen als Verstoß gegen die göttliche Ordnung verstanden, sagt Depkat. Die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen oder Homosexualität nahmen die Konservativen als Ausdruck moralischen Verfalls wahr. Ressentiments, Rassismus, ökonomische Konfliktlagen kamen hinzu.
Warum aber ausgerechnet und sogar Menschen Trump unterstützen, die von einer nationalistischen und konservativen Politik häufig kaum profitieren? Religiös verbrämter Nationalismus? Eine abschließende Antwort haben auch Depkat und Henze nicht.
Schöpfungsgeschichte gegen Evolutionstheorie
Die eigentliche Entfremdung, die Wut der Frommen, sie begann aus Sicht Henzes bereits „mit dem Aufkommen eines konkurrierenden Modells der Welterklärung“, das so anders war als das der stark religiös geprägten ländlichen Gesellschaften der bibeltreuen USA. Dort dominierte die Schöpfungserzählung, und mit ihr von Gott geschaffene Ordnungen und Hierarchien, die es zu verteidigen galt vor denen, die sich anmaßen, sie in Frage zu stellen.
So entstand im 19. Jahrhundert eine Gesellschaftsordnung, deren Grundprinzip die ständige Veränderung war, und die auf dem Gedanken basiert, dass nichts bleibt, wie es ist“, sagt Henze. Was einen Siegeszug durch die Metropolen und an den Küsten antrat, schuf im Heartland Amerikas hingegen eine Wagenburg-Mentalität.
Die Diskutanten erinnern an den sog. Affenprozess von 1925, der zum Symbol für die Debatte wurde: Verhandelt wurde dort die Frage, ob sich mit Strafgesetzen eine Welterklärung verbieten ließ, die dem seit Jahrhunderten unangefochtenen Erklärungsbild der Schöpfungsgeschichte im Wege stand.
Der sog. Affenprozess (Scopes Trial) von 1925 war ein vielbeachteter Gerichtsprozess in Tennessee. Lehrer John T. Scopes wurde angeklagt, weil er an einer öffentlichen Schule die Evolutionstheorie von Charles Darwin unterrichtet hatte. Das verstieß gegen ein Gesetz des Bundesstaates Tennessee, das die Lehre verbot, dass der Mensch von früheren Lebensformen abstamme.
Scopes wurde schließlich schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe verurteilt. Bis 1967 durfte man in Tennessee keine Evolutionstheorie lehren.
Die Entfremdung von der liberalen, sich öffnenden Gesellschaft begann demnach bereits lange vor Donald Trump. Es sei kein Zufall, dass die Bildungspolitik einer der Schlüsselkämpfe im Kulturkampf der MAGA-Bewegung und von Project 2025 sei, sagt Henze.
Mehr Testosteron
An dieser Stelle holt Henze Pete Hegseth auf die Bühne. Noch vor seiner Karriere als Secretary of Defence, der sich nun Secretary of War, Kriegsminister, nennt, veröffentlichte dieser ein Buch über Bildungspolitik (Battle for the American Mind: Uprooting a Century of Miseducation). Darin prangert er die aus seiner Sicht bestehende Gottlosigkeit des öffentlichen Schulsystems an und fordert den Aufbau einer Parallelstruktur aus christlichen Privatschulen und Homeschooling. Dies setze der Kriegsminister nun in die Praxis um.
Hegseth, erzählt Henze, sei Mitglied der Kirchengemeinschaft Communion of Reformed Evangelical Churches. Dort werde ein durch und durch theokratisches Gottes- und Gesellschaftsbild vertreten, man trete unter anderem für die Rehabilitierung der Sklaverei und die Abschaffung des Frauenwahlrechts ein. Früher hätte man das eher als sektiererischen Verbund wahrgenommen, sagt der Journalist. Nun rückten solche Inhalte in den Mainstream.
Henze erinnert in diesem Zusammenhang an den Krieg im Iran, „der nie rational erklärt worden ist“. Das Vakuum, das durch das Fehlen solcher Erklärungen entstanden sei, habe sich vielerorts mit religiös und apokalyptisch aufgeladener Sprache gefüllt. Armageddon kam ins Spiel. Soldaten sprechen laut Henze im Zusammenhang mit Bürgerrechtsbewegungen davon, Teil der endzeitlichen Schlacht für die Wiederkehr des Messias zu sein.
Christlicher Nationalismus verbinde sich so mit der größten Militärmacht der Welt, warnt Henze. Seine Analyse von Videos des U.S. Department of War und des U.S. Department of Homeland Security zeigten klare Muster. Ein Video zeigt Henze. „Die Inszenierung von christlichem Nationalismus ist längst Teil des Geschehens“, sagt der Referent. Zudem sei vieles „deutlich stärker durchgeplant“, als wir vielleicht vermuteten.
Im Maschinenraum
Dann fragt Henze das Publikum nach Russell Vought. Eine Handvoll Anwesender hat bereits von ihm gehört. Anders als Kreuzritter Hegseth steht Vought nicht auf der Bühne. Er leitet das Office of Management and Budget, die größte Behörde innerhalb des Executive Office of the President. Henze beschreibt ihn als den entscheidenden „Mann im Maschinenraum“.
Vought verfügt über erheblichen Einfluss auf das vom Kongress bewilligte Budget und sorgt dafür, dass die Agenda des Präsidenten in der gesamten Exekutive umgesetzt wird. Das Geld setze der Finanzchef in Abstimmung mit seinem Präsidenten dabei auf drei Arten ein: „als Belohnung für diejenigen, die den ideologischen Kurs mittragen, als Bestrafung derer, die sich ihm widersetzen, und als Bedrohung für alle dazwischen.“
Universitäten, Bibliotheken, soziale Einrichtungen sind laut Henze zwischenzeitlich aus der Schockstarre erwacht und leisten Widerstand, „aber die Möglichkeiten sind begrenzt“. Hier vollziehe sich „die Veränderung der amerikanischen Gesellschaft, stetig und leise, und mit großer Wirkung“.
Im Maschinenraum der Regierung vollziehe sich unter Voughts Verantwortung „die eigentliche Veränderung der USA, weg von einer demokratischen Gesellschaft hin zu einem autoritären und in Teilen totalitären Staat“, sagt Henze.
It‘s Magic?
Depkat erinnert noch einmal an die Reaktion auf moderne wissenschaftliche und säkulare Weltdeutungen: Viele suchten in den USA ihre Antworten in einer besonders strikten Orientierung an der Bibel. Sie grenzten sich bewusst von liberalen theologischen Strömungen ab, es entwickelten sich enge Verbindungen zwischen fundamentalistischen und Teilen der evangelikalen Bewegung.
Dem Wissenschaftler bereitet es Sorge, dass sich Katholiken und Protestanten auf Basis eines fundamentalistischen Christentums annähern. In Verbindung mit „exzeptionellem Nationalismus“ trage dies zu Ideologisierung und Polarisierung bei – andere Lebensstile gälten dann als „unamerikanisch“. „Darin liegt Sprengkraft“, sagt Depkat.
Über die Analyse hinaus stellt Depkat eine weitere Frage: Welche Gegenentwürfe gibt es? Vielleicht, sagt Depkat, müsse man im Kampf gegen rechtspopulistische Bedrohungen viel mehr auf die Bedeutung und Kraft von Gegenerzählungen bauen.
Damit verbinde sich auch die grundsätzliche Debatte über die Rolle von Religion im öffentlichen Raum. Gibt es davon zu viel? Zu wenig? Depkat erkennt einen tieferliegenden Konflikt zwischen säkular-rationalen und magisch-religiösen Welterklärungen. „Erstere büßen an Bedeutung ein, magisches Denken feiert fröhliche Urständ.“ Wie geht man damit um?
Die Attraktivität der Macht
Depkat erinnert daran, dass die Trennung von Staat und Kirche in den USA ursprünglich von christlichen Kreisen gefordert worden sei, weil sie als Voraussetzung religiöser Lebendigkeit galt. Henze verweist in diesem Zusammenhang auf eine „enorme Staatsfeindlichkeit in der MAGA-Bewegung, auch in theokratischen Kreisen“. Eine entsprechende Feindlichkeit gegenüber Macht gebe es hingegen nicht.
Was in den ersten Wochen von Donald Trumps Amtszeit mit großer Härte umgesetzt worden sei, die Zerschlagung ganzer Ministerien und Behörden, war aus Sicht Henzes ein Frontalangriff auf die Staatlichkeit der USA. Dafür habe Trump großen Beifall von jenen erhalten, die den Staat als „Deep State“ betrachteten. Dessen Bürokratie verhindere angeblich, „dass die Macht des Präsidenten, den wir gewählt haben und der von Gott eingesetzt wurde, unsere Agenda umsetzt“. Viele hätten geglaubt, mit der Zerschlagung dieses „Deep State“ den Weg für ihre politischen Ziele freizumachen.
Was kommt nach Trump?
„Sehen Sie jemanden unter den christlichen Nationalisten, der Trumps Rolle übernehmen könnte“, fragt Depkat Arnd Henze. Donald Trump gelinge es, Projektionsfläche für Hoffnungen und Erwartungen von unfassbar vielen zu sein. „Gibt es eine vergleichbare integrative Kraft am politischen Horizont?“
Henze verneint. Er sieht aktuell niemanden, auf den sich die verschiedenen Strömungen in gleicher Weise verständigen könnten wie auf Trump. Niemanden, der die MAGA-Bewegung in ihrer heutigen Konstellation zusammenhalten könnte. Aber der Publizist hält es nicht für ausgeschlossen, dass nach den Midterm-Wahlen im Januar oder Februar 2027 plötzlich ganz neue Personen auf der politischen Bühne Washingtons erscheinen.
Doch gerade, weil es eine solche Figur derzeit nicht gebe, sagt Henze, stelle sich die Frage, „was passiert, wenn ohnehin eine Verachtung für den Rechtsstaat, für die Gewaltenteilung und für die Spielregeln der Demokratie vorhanden ist“?
Daraus erwachse ein intrinsisches Interesse, die einmal errungene Macht nicht wieder aus der Hand zu geben, vermutet Henze, der dabei in die Denkweise der Beteiligten schlüpft: „Wenn wir die Macht abgeben, werden die Demokraten dafür sorgen, dass wir alle im Gefängnis landen, mich eingeschlossen.“ Man verfüge nun endlich über einen staatlichen Macht- und Repressionsapparat. Will man den durch freie Wahlen rasch wieder verlieren?
Die Diskutanten erwarten in der Zukunft Wahlfälschung und Beeinflussung. Möglicherweise werde auch versucht werden, durch die gezielte Mobilisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen vermeintliche „Unfairness“ auszugleichen. Allerdings, gibt jemand aus dem Publikum zu bedenken, habe Europa mit Ungarn bereits eine vergleichbare Entwicklung erlebt und Wege gefunden, damit umzugehen.
Doch Depkat setzt nach: „Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Woher kommt diese Sehnsucht nach dem starken Einzelnen, nach der Führungsfigur? Etwas, das eigentlich nicht Teil der amerikanischen DNA ist?“
Communities and Neighbours: Die Kraft der Zivilgesellschaft
So bleibt am Ende vor allem die Hoffnung auf die Zivilgesellschaft und ihre Widerstandskraft, die das Scheitern der Demokratie verhindern sollen. Henze erinnert an Einsätze der US-Immigrationsbehörde ICE und an den Widerstand in den Neighbourhoods, wo sich viele Menschen Verhaftungen und dem gewaltsamen Vorgehen gegen Migrantinnen und Migranten entgegenstellten. „Das waren Orte stärkster Resilienzkraft.“
Volker Depkat spricht vom Föderalismus als Chance, baut nicht zuletzt auf die demokratisch regierten Blue States, „die sich trump-sicher machen“, berichtet von Ansätzen gesellschaftlicher Erneuerung, Orten, wo sich Communities mit klaren Gegenpositionen formieren. Die Neighbourhoods seien jene Orte, „wo von unten nach oben gehandelt wird und man gar nicht auf den Zentralstaat schaut“, bekräftigt der Wissenschaftler.
Im Deutschen habe das englische Wort neighbour zwei Entsprechungen, erinnert Henze: den Nachbarn und den biblischen Nächsten. Dieser Begriff spiele im öffentlichen Diskurs eine zunehmend wichtige Rolle: So verteidigten Eltern von Kindern, die gemeinsam in Basketballmannschaften spielten, andere Eltern und deren Kinder gegen Ausgrenzung und Abschiebung. Auch Bürgermeister, Stadtverwaltungen und Polizeichefs hätten die neighbourhoods ins Spiel gebracht. Zufall?
Nein, sagt Henze. Vielmehr sei das ein Hinweis auf die Verbindung zwischen einem biblisch geprägten Verständnis von Nächstenliebe und dem konkreten Zusammenleben vor Ort.
Abgleiten ins Autoritäre
Noch einmal startet Henze einen Versuch, alle zu verstehen. Viele MAGA-Mitglieder seien innerlich gespalten, zwischen ihren Frömmigkeitsformen und ihren politischen oder ideologischen Vorstellungen. Jemand aus dem Publikum fragt, ob die Referenten „Allmachtsfantasien“ der Einzelstaaten sehen. „Nein.“ Die theokratisch geprägten Red States hätten nicht den Anspruch, Staaten wie Kalifornien zu bekehren. Wohl aber „wollen sie nicht länger von den Küsten dominiert werden“. In dieser Vielfalt an Erwartungen eint aus Sicht Henzes das Trumpsche Versprechen, für sie alle „zu liefern“.
Aber weil die Spannweite innerhalb der MAGA-Bewegung so enorm ist, reicht sie von bibeltreuen Christinnen und Christen „bis zu Influencern wie Tucker Carlson“, macht Henze deutlich. Nicht wenige seien „isolationistisch, rechtsextrem, antisemitisch“ unterwegs und agierten „als Bindeglieder zwischen Nationalisten und Militanten“. Die Verbindungen reichten bis in neonazistische Milieus, etwa zu Akteuren wie Nick Fuentes. Mit US-Politikwissenschaftler Steven Levitsky glaubt Henze, dass die USA zunehmend in eine autoritäre Regierungsform abgleiten.
"Harvard Professor Steven Levitsky: Right Now, the U.S. Is Ceasing to Be a Democracy", in: Der Spiegel, Interview Conducted by Claus Hecking in Cambridge, U.S., 24.03.2025, 09.57 Uhr [Accessed on 24 August 2026]
Es brauche eine sehr starke Zivilgesellschaft, um all die Bedrohungen abzuwenden, sagt Depkat im abschließend von der Gastgeberin erbetenen Blick in die Glaskugel, wie die USA in ein paar Jahren aussehen werden. Und Deutschland?
Arnd Henze knüpft an sein Bild von Bühne und Maschinenraum an. „Wir müssen im Maschinenraum spielen und fragen, wo die Stellschrauben sind, mit denen sich eine Ideologie nachhaltig durchsetzen kann.“ Es reiche nicht mehr aus, abzuwarten, welche Folgen Wahlen für Förderprogramme oder Zuschusspolitik haben. „Entscheidend ist vielmehr, zügig Antworten zu finden auf Fragen, wie sich demokratiefeindliche gesellschaftliche Entwicklungen durch föderale Strukturen und solidarisches Handeln abfedern lassen.“
Weiterführende Informationen
Über Arnd Henze und sein Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“
Über Volker Depkat und zum Podcast „Amerika verstehen“, Deutschlandfunk
Zum Leibniz-WissenschaftsCampus Regensburg „Europa und Amerika in der modernen Welt“ und zum Evangelischen Bildungswerk Regensburg
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