Verfassungsdebatten im Podcast

Was ist die beste Regierungsform?
Debatten darum reichen weit zurück – man denke an die Antike. Global erleben sie seit einigen Jahren eine Renaissance. Was bislang vermeintlich als gesetzt galt, nämlich Demokratie als die wünschenswerteste aller Regierungsformen, wird angezweifelt, Autokratie mancherorts gewählte Realität. Wie nähert man sich einem solchen Thema in Studium und Lehre?
Professorin Dr. Angela Ganter, Lehrstuhlinhaberin für Alte Geschichte an der Universität Regensburg, griff in einem Masterseminar im Wintersemester 2024/25 antike Verfassungsdebatten, ihre Kontexte und Medien auf. Sie arbeitete im Seminar mit Pro/Contra-Diskussionen und Podcast-Produktion.
Für ihren didaktischen Ansatz erhielt Angela Ganter den Lehrinnovationspreis der Universität Regensburg 2025 in der Kategorie „Lehrveranstaltung“.
Professorin Dr. Angela Ganter (M.) mit Masterstudent Mario Sommer (l.) und Doktorandin Elena Maria Eusebi (r.). Foto: UR | Tanja Wagensohn
Lehrinnovationspreis der Universität Regensburg
Der Lehrinnovationspreis der Universität Regensburg wird seit 2024 jährlich in den Kategorien Curriculum, Lehrveranstaltung und Prüfung verliehen. Mit den Auszeichnungen werden herausragende Projekte gewürdigt und die besondere Bedeutung qualitativ hochwertiger und zukunftsweisender Lehre sichtbar gemacht. Ziel ist es, innovative Entwicklungen zu fördern, Vorbilder aus der Praxis hervorzuheben und Impulse für die Weiterentwicklung der Hochschullehre zu geben.
Verfassungsdebatten sind eine mündliche Kultur.
In Angela Ganters Seminar ging es um die Frage, welche Regierungsform die beste sei. „Verfassungsdebatten sind Bestandteil bürgerlichen Alltags, prägen unsere Gegenwart mehr denn je, aber hatten bereits in der Antike Konjunktur“, erläutert die Historikerin. „Dabei handelte es sich nicht um blutleere theoretische Abhandlungen. Vielmehr hatten diese – wie heute – ihren Sitz im Leben.“ So sprach man über diese Themen bei Volksversammlungen oder Gastmählern.
Deshalb konzentrierte sie ihr Seminar nicht allein auf textimmanente, philosophische oder politikwissenschaftliche Diskussionen, sondern legte einen Schwerpunkt auf die Einbettung von Debatten in ihre historisch-lebensweltlichen Kontexte. Das Seminar zielte zunächst darauf ab, antike, als Texte überlieferte Debatten in ihre zeithistorischen Horizonte einzuordnen und somit besser zu verstehen.
Debatten sind in lebensweltliche Kontexte eingebunden. Dazu gehören Kriege und politische Entwicklungen, Verwerfungen und dramatische Ereignisse. In insgesamt vier Modulen erarbeitete Angela Ganter vier antike Verfassungsdebatten und deren Kontexte mit den Studierenden. Zwei griechische und zwei römische Autoren standen im Mittelpunkt: Herodot und Platon, Polybios und Cassius Dio.
Geschichtsschreibung und mediale Aufarbeitung
Angela Ganters zweites Seminarziel war es, die mediale Aufarbeitung antiker Verfassungsdebatten nachzuvollziehen und damit besser zu verstehen.
Die Studierenden sollten
• sich in historiographische Konventionen der Antike sowie Spezifika der jeweiligen Autoren einarbeiten,
• mündliche Diskussionskonstellationen der Antike in Pro/Contra-Diskussionen nachempfinden und bewerten sowie
• in kreativ produzierten Podcasts Interview-Techniken und Gesprächskonstellationen als Transfer-Projekte publizieren.
Die Teilnehmenden des Seminars kamen aus den Masterstudiengängen Alte Geschichte – Klassikstudien und Geschichte – Europäische Gesellschaften im Wandel. So musste die Dozentin altertumswissenschaftliche und neuzeitliche Schwerpunkte zusammenführen sowie unterschiedliche Abschlussziele, unterschiedliches Vorwissen und Interessenlagen der Teilnehmenden berücksichtigen.
„Mit der Einteilung der Seminarinhalte in vier thematische Module, von denen drei eigenständig durch studentische Gruppen über jeweils zwei bis drei Sitzungen gestaltet werden sollten, wollte ich die Zusammenarbeit der Studierenden fördern. Dies war ein voller Erfolg“, berichtet Angela Ganter.
Neben der klassischen Erarbeitung der Themen führte die Dozentin die Studierenden im Seminar in Interviewtechniken ein. Für die Podcasts am Ende gab es tatsächlich nur zwei Sitzungen, erzählt die Dozentin, aus deren Gestaltung habe sie sich inhaltlich herausgehalten.
Platons Verfassungsdebatten verarbeiten die Erfahrungen aus seiner Jugend mit der oligarchischen Schreckensherrschaft am Ende des Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.), als sein Lehrer Sokrates hingerichtet wurde (399 v. Chr.). Diese Erfahrungen trieben ihn auf Sizilien zur Realisierung seiner Idealstaatsvorstellungen. Nach deren Scheitern verwarf Platon mit Blick auf die Menschennatur die Realisierbarkeit seines Idealstaates und rückte stattdessen die Gesetze an oberste Stelle (1. Hälfte 4. Jahrhundert v. Chr.).
Elena Maria Eusebi, Lisa Fichtinger und Konrad Lytkowski entwickelten ihren Podcast in einer Art Nachrichtenformat, in dem Reporter und Journalistinnen Interviews auf der Agora führen. Chaos in Athen: Mit Platon auf der Suche nach der besten Verfassung. Zum Podcast auf Youtube
Ausgangspunkt: Was lehre ich? Wie vermittle ich?
Am Beginn jedes Seminars stehen für die Historikerin zwei Fragen: „Was lehre ich? Wie vermittle ich?“ Die Podcasts schienen ihr für das Thema Verfassungsdebatten bestens geeignet, die kleine Seminargröße ideal.
Überall anwendbar sind sie aber nicht: „Verschiedene Themen brauchen auch verschiedene Konzepte – die Dinge müssen zusammenpassen“, sagt Angela Ganter. Im Verfassungsdebatten-Seminar entstand so ein bleibendes Produkt, das weit über den Seminarkontext hinausreicht.
Im Sommersemester 2025 hat Angela Ganter römische Gesellschaft und Künstliche Intelligenz (KI) zusammengeführt.
Ihr Masterseminar thematisierte die Historikerin Inklusion und Exklusion in der römischen Gesellschaft. Mechanismen wirkten vielen, erläutert die Dozentin, und erneut lassen sich die Stichworte und Auseinandersetzungen in die Gegenwart transferieren: Ob Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit, politischer Status, Religion, Vermögen oder Lebensstil – biologische und anthropologische Zuschreibungen entscheiden an vielen Stellen.
Mit ihren Studierenden hat Ganter dies analysiert und sich parallel dazu einem hochaktuellen methodischen Schwerpunkt gewidmet: Recherchemöglichkeiten und Wissensproduktion über Künstliche Intelligenz. Die Studierenden sollten etablierte Vorgehensweisen der Wissensgenerierung über Bibliographien und Datenbanken oder Lexika mit Chancen und Herausforderungen bei der Arbeit mit ChatGPT vergleichen. Fundierte Informationen sollten auf beiden Wegen eingeholt, der Weg dorthin dokumentiert werden.
Eine spannende Erfahrung für Angela Ganter, mit beeindruckenden Präsentationen der Studierenden: „Man sah deutlich – wenn man weiß, in welche Richtung man sucht, kann man auch beurteilen, was man von der KI vorgesetzt bekommt.“ KI schreckt Angela Ganter nicht – schlechte Arbeiten erkenne man sehr schnell an den fehlenden methodischen Anforderungen, sagt die Dozentin. Außerdem: „Ich will ja auch Mensch sein, meine Freiheit des Denkens nicht abgeben. Natürlich teilen nicht alle diese Haltung. Aber die Tendenz der Teilnehmer und Teilnehmerinnen war gegen Ende des Seminars eindeutig.“
Neben Platon ging es in Angela Ganters Seminar um Herodots Verfassungsdebatte, die als erste überhaupt die drei Verfassungsformen Monarchie, Aristokratie und Demokratie miteinander kontrastiert. Dabei wurden die Erfahrungen der Perserkriege (499–479 v. Chr.) als Folie der Debatte verwendet, zugleich wurde aber auch zeitgenössische Kritik an der Praxis der athenischen Demokratie implementiert (440/30er v. Chr.), als sich Athen im attischen Seebund außenpolitisch zu einer „tyrannischen Polis“ entwickelte (5. Jahrhundert v. Chr.).
Historikerin Ganter sprach auf dem Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung über kontrafaktische Geschichte. Was wäre gewesen? Herodot lässt die Monarchie über die Demokratie siegen. Zum Podcast auf L.I.S.A
Methodik und Kreativität
Angela Ganter freute sich beim Verfassungsdebatten-Seminar über die Kreativität der Seminarteilnehmenden ebenso wie über deren Bereitschaft, sich intensiv ins Podcasten einzuarbeiten. Für Mario Sommer, der Alte Geschichte – Klassikstudien studiert, und Elena Maria Eusebi, die zu Ängsten der Römer im Wohnraum und ihre Abwendungsrituale forscht, war es die erste Erfahrung in Sachen Podcast. Nur ein Kommilitone im Seminar hatte bereits Erfahrung.
„Wir hatten richtige Schauspieltalente“, erzählt Elena Maria, „zwischendurch wurde es auch mal lustig oder polemisch, doch immer reflektierte man im Einnehmen der Gegenposition auch die eigene Haltung“. „Die Podcasts so zu gestalten, dass sie wissenschaftlich fundiert sind und trotzdem einen gewissen Witz bei der Vermittlung der Inhalte haben“, darin sind Mario und Elena Maria sich einig, „war schwierig, aber auch schön. Wir sitzen in unserem Fach schon sehr in der bubble, und so konnten wir auch einmal draußen erklären, womit Historiker sich so beschäftigen.“
Die Podcasts empfanden alle als Bereicherung. Die eher ungewöhnlichen Seminar-Elemente begreifen sie als Mehrwert. Der Masterstudent und die Doktorandin haben ein Faible für Wissenschaftskommunikation, dafür, bei Dritten Interesse für ein Thema zu wecken und es allen, auch denen, die nicht vom Fach sind, zugänglich zu machen.
Doch davor zu lernen, wie man geschichtswissenschaftlich arbeitet und forscht, auch hier sind sie sich einig, ist zentral: Formate wie solche Podcasts benötigen „die Essenz des Studiums“, sagt Elena Maria. „Es geht um kritisches Denken, Lesetechniken, Recherchieren.“
Waren die Podcasts auch für die Lehrende bereichernd? „Natürlich“, sagt Angela Ganter. „Wenn man das Seminar designt und es funktioniert, dann ist das großartig.“ Entschieden hat die Historikerin sich für das Medium Podcast, „weil es niederschwellig ist: Man kann mit Handy- oder Laptopkamera arbeiten und hat so gut wie keine Materialkosten.“
Alle sind sich aber auch einig: Man muss lernen, wie man in der Geschichtswissenschaft arbeitet und forscht, um zu verstehen, was in der Geschichte passiert sein könnte. Hat man das gelernt, kann man die Dinge an Dritte weitergeben.
Mit seinen Verfassungsdebatten führte Polybios der zerstrittenen griechischen Welt vor Augen, warum das imperial-republikanische Rom so erfolgreich war. Der Schlüssel zu römischer Sieghaftigkeit und Stabilität liegt für Polybios im Ausbruch aus ständigen, mit Verwerfungen einhergehenden Verfassungskreisläufen durch eine Mischverfassung, die die besten Elemente von Monarchie, Aristokratie und Demokratie vereint, wie er sie in der römischen res publica der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. realisiert sieht.
In lockerer Gesprächsatmosphäre unterhalten sich Dennis Fischer und Tim Kapsreiter-Homeyer über die Hintergründe des griechischen Geschichtsschreibers und beleuchten die Eigenheiten der Verfassung der römischen Republik. Raus aus dem Chaos: Polybios über die römische Mischverfassung und den Verfassungskreislauf Zum Podcast auf Youtoube
Präsenz und Virtualität
Elena Maria und Mario mögen Eine Stunde History von Deutschlandfunk Nova oder hören Terra X History und Geschichten aus der Geschichte. Warum ist das Hören wieder so interessant geworden für uns alle? Elena Maria glaubt, das Radio erlebe ein Revival, vermutet aber gemeinsam mit Angela Ganter, „dass wir zu überflutet von Bildern sind“ und allein schon deswegen gerne hören.
Und dann war da noch Corona. Mario Sommer erzählt von seinen ersten Semestern, in denen nur das erste in Präsenz stattfand. Sein zweites Semester fiel bereits in den Shutdown. Alle drei werden nachdenklich in der Erinnerung, erzählen, wie ungünstig es gewesen sei, digital zu lehren und zu lernen, wie klar plötzlich wurde, dass man gegen Falschinformationen angehen muss. Wissenschaft in jeder nur erdenklichen Form zu kommunizieren – auch dafür halten sie Medien wie den Podcast für bestens geeignet.
Doch kein Podcast ersetzt den Präsenzunterricht: „Wenn ich Augen sehen, merke ich, ob die Zuhörenden wach sind, ich kann Blicken folgen, direkt kommunizieren. Online ist das nicht möglich, schon gar nicht in einer Vorlesung, in der vielleicht 300 Leute sitzen“, sagt Angela Ganter nachdrücklich.
Schließlich taucht im Gespräch übers wenig begeisternde Zoomen noch ein Versprecher auf, der für große Heiterkeit in der Runde sorgt – die virtuellen Arbeitsgruppen-Räume oder Breakout-Rooms werden zu Escape-Rooms.
Es ist schon dämmrig in dem schönen und bunten Büro von Angela Ganter an dem grauen Novembertag, aber irgendwie sieht es aus, als blitze da mindestens ein Augenpaar auf.
Cassius Dio blickt auf zweihundert Jahre Kaiserherrschaft in Rom zurück, sieht gute und schlechte Kaiser und stilisiert den Prinzipat des Augustus als Kombination aus monarchischen sowie demokratischen Elementen.
Das Hörspiel von Christine Maschke und Mario Sommer baut auf Spannung, sechs verschiedene Sprechrollen sind eingebaut. Wer erinnert sich an die „3 Fragezeichen“? Chaos in Rom: Mit Cassius Dio auf der Suche nach dem besten Princeps. Zum Podcast auf Youtube
Vergessen Sie nicht, ins nächste Vorlesungsverzeichnis zu gucken!
Schon gehört? Innovation Hub der UR
Der Innovation Hub der Universität Regensburg ist die zentrale Anlaufstelle für Lehrende, die Lehrveranstaltungen, Curricula oder Prüfungsformate neu denken möchten. Ziel ist es, Lehre innovativ zu gestalten, zukunftsrelevante Themen einzubinden und die Perspektiven der Studierenden aktiv zu berücksichtigen. Das Angebot umfasst praxisnahe, flexible Formate. Der Innovation Hub schafft Raum für Lehrideen, Vernetzung und die Weiterentwicklung innovativer Lehr- und Prüfungskonzepte.
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