Sport. Politik. Konflikt. Zum FIFA World Cup 2026

Große Sportereignisse bewegen die Menschen weltweit.
Aktuell prominentes Beispiel: Die FIFA-Weltmeisterschaft der Männer 2026.
Große Sportereignisse bewegen die Menschen weltweit: Sie kurbeln Tourismus an, fördern kulturelle Beziehungen, schaffen Infrastruktur und stiften nationale Identität. Zugleich dienen sie als glänzende Bühne, auf der Staaten und Eliten ihr Image aufpolieren. Sie bewegen Hunderte Millionen harter Währung – und produzieren zugleich prekäre Arbeitsverhältnisse; sie legen einen Mantel des Schweigens über autoritäre Machtstrukturen und lenken von Menschenrechtsverletzungen ab
Der Leibniz-WissenschaftsCampus (LWC) „Europa und Amerika in der modernen Welt“ nimmt die FIFA-Weltmeisterschaft der Männer 2026 zum Anlass für eine interdisziplinäre Ringvorlesung an der Universität Regensburg. Im Sommersemester 2026 geht es um Sport. Politik. Konflikt. Verflechtungen der ‚harten‘ und ‚weichen‘ Macht | Sport. Politics. Conflict: Entanglements of Hard and Soft Power.
Initiatoren der Ringvorlesung sind Professor Dr. Ulf Brunnbauer (Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung IOS und Sprecher des LWC, l.) und Dr. Paul Vickers (Geschäftsführer des LWC, r.).
Herr Brunnbauer, Herr Vickers, warum sollte man Sport, Politik und Konflikt in einem Atemzug nennen?
Paul Vickers: Unsere Vortragsreihe macht deutlich, dass sich Sport als Mikrokosmos der Gesellschaft und der Geopolitik betrachten lässt. Große Sportveranstaltungen wecken Gefühle der nationalen Identifikation und Emotionen, die bei vielen Menschen latent vorhanden sind und im Allgemeinen harmlos bleiben. In einer Zeit, in der weltweit Konflikte herrschen, greift die Vorstellung vom Sport als „war minus the shooting“, wie George Orwell es formulierte, aber nicht mehr. Soft Power und Hard Power sind zunehmend miteinander verflochten.
Sport. Politics. Conflict: Entanglements of Hard and Soft Power | Sport. Politik. Konflikt. Verflechtungen der ‚harten‘ und ‚weichen‘ Macht. Vorträge der Ringvorlesung des Leibniz-WissenschaftsCampus "Europa und Amerika in der modernen Welt sind im Sommersemester 2026 immer mittwochs von 14:15-15:45 Uhr im H5 der Universität Regensburg. Alle Interessierten sind eingeladen. Anmeldung ist nicht erforderlich. Zum Programm.
Ulf Brunnbauer: Die Reihe zeigt auch: Wo Konflikte im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen thematisiert wurden – in El Salvador und Honduras oder im ehemaligen Jugoslawien –, spiegelten diese eher tiefere, zugrunde liegende Spannungen wider, als dass sie die Ursache der Konflikte waren. Durch den Sport wurden diese Konflikte und Spannungen jedoch deutlich.
Die Weltmeisterschaft in den USA rückt Spannungen erneut in den Fokus – und wer weiß, was Donald Trump einfällt, wenn der Iran in den USA auf den Platz tritt. Die Weltmeisterschaft in den USA wird stattfinden, während sich der Iran und die USA noch immer im Krieg befinden. Die FIFA mag Trump als Friedensstifter darstellen, doch die Realität sieht anders aus.
Abu Dhabi hat den Fußballclub Manchester City eingekauft, der Golfstaat Katar massiv in die FIFA World Cup investiert, und Saudi-Arabien hat für Cristiano Ronaldo, der bei Al-Nassr spielt, religiöse Regeln angepasst. Tragen solche Maßnahmen tatsächlich zur wirtschaftlichen und politischen Diversifizierung der Golfstaaten bei?
Paul Vickers: Die Politikwissenschaftlerin Katrin Mayerhofer gab unlängst in Regensburg hervorragende Einblicke in die Überschneidungen zwischen „Sportswashing“ und Sportdiplomatie. Sie stellte unmissverständlich klar, dass internationale Sportverbände zwar Lippenbekenntnisse zu Menschenrechten, Arbeitnehmerrechten oder Entwicklungshilfe abgeben mögen, letztlich aber der Kommerz den Vorrang habe. Sie argumentierte, dass beispielsweise für Katar die Ausrichtung der Weltmeisterschaft entscheidende geopolitische Ziele verfolgte – nämlich die Sichtbarkeit des Staates auf der internationalen Bühne zu erhöhen, um so seine Sicherheit zu gewährleisten. Politische Diversifizierung spielt also vielleicht eine untergeordnete Rolle.
Ulf Brunnbauer: Schauen wir noch nach Ungarn, auf Viktor Orbán, über den Gyozo Molnár am 10. Juni spricht: Orbáns Strategie, den Sport zu instrumentalisieren, war im Inland zwar bis zu einem gewissen Grad erfolgreich, konnte aber international keine wirkliche Wirkung entfalten.
Ironischerweise verlor Orbán die Wahl kurz vor dem diesjährigen Champions-League-Finale der Männer, bei dem das von Emirates gesponserte FC Arsenal und das von Katar unterstützte Paris Saint Germain gegeneinander antraten… Die Trikots zeigten dabei zwei recht umstrittene sportdiplomatische Initiativen. Aber vielleicht kommen sie dem, was Orbán zu erreichen hoffte, recht nahe.
Vom Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 durch die USA bis zur Symbolik, deretwegen 2026 ein ukrainischer Skeleton-Rodler von der Olympia-Teilnahme ausgeschlossen wurde: Wie stark beeinflussen nationale, geopolitische, persönliche Interessen die Durchführung internationaler Sport-Großveranstaltungen? Lassen sich dabei wiederkehrende Muster oder Entwicklungen erkennen?
Paul Vickers: Großsportveranstaltungen sind und waren schon immer stark inszeniert. Der Einsatz von Symbolen, Architektur und Narrativen kann die politischen Ideologien und Ziele der Gastgeberländer widerspiegeln.
Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin wurden vergeben, bevor die NSDAP an die Macht kam – wie Jörg Skriebeleit (Direktor des Zentrums Erinnerungskultur an der Universität Regensburg und Leiter der Gedenkstätte KZ Flossenbürg, Anm. d. Red.) und Veronika Springmann (Museumsleitung Sportmuseum Berlin, Anm. d. Red.), in ihren Vorträgen aufzeigten: Die ursprünglichen Pläne sahen ganz anders aus. Und dass Jesse Owens so erfolgreich war, war auch nicht Teil des Plans.
Außerdem sollten, wie Jörg Skriebeleit zeigte, die Olympischen Spiele 1972 in München die „heiteren Spiele“ sein –, ein bewusster Kontrast zu 1936. Doch natürlich veränderte der Terroranschlag auf die israelische Mannschaft die Wahrnehmung der Spiele, Deutschlands, und ja, der geopolitischen Ordnung.
Wenn politische Akteure wie Vladimir Putin Sportfunktionäre wie Gianni Infantino auszeichnen und gleichzeitig klimapolitisch umstrittene Unternehmen als Sponsoren dominieren: Wird das Konzept des „Sportswashing“ in der öffentlichen Debatte über- oder unterschätzt? Lässt sich die tatsächliche politische und gesellschaftliche Wirkung messen?
Ulf Brunnbauer: Es scheint, als könnten Länder ihr Image in der Außenwelt durch die Ausrichtung von Veranstaltungen oder das Sponsoring von Sportmannschaften beeinflussen. Allerdings scheint diese Wirkung eher kurzfristiger Natur zu sein, etwa um das Ansehen eines Landes wie Katar zu steigern oder die allgemeine Wahrnehmung von Ländern wie Saudi-Arabien oder Ruanda zu verändern.
Letztendlich werden politische Realitäten jedoch jeden sportlichen Erfolg – oder jedes „Sportswashing“ – überschatten, seien es Menschenrechtsverletzungen oder die Auslösung eines umfassenden, illegalen Krieges gegen ein Nachbarland. Betrachtet man internationale Sportveranstaltungen im Hinblick auf ihre soziale und geopolitische Bedeutung, wird deutlich, dass sie widerspiegeln, wie die globale Ordnung sich verändert. Fairplay und der Friedensgedanke verblassen.
Die FIFA mag zwar glauben, dass solche symbolische Gesten zum Weltfrieden beitragen können, doch scheint sie dabei über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Gleichzeitig scheint die symbolische Soft Power des Sportsponsorings an Wirksamkeit zu verlieren, da immer deutlicher wird, dass Hard Power das entscheidende Spielfeld ist.
Herr Brunnbauer, Herr Vickers, danke für das Gespräch.
Weitere Informationen
Über Prof. Dr. Ulf Brunnbauer und Dr. Paul Vickers
Über Sportswashing und Sportdiplomatie
Wem gehört der Sport? Ein Gespräch mit Veronika Springmann
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