Kriege, bewaffnete Konflikte und andere Krisen sind längst nicht mehr nur Themen der Abendnachrichten. Über soziale Medien gelangen Bilder und Videos aus aller Welt innerhalb von Sekunden auf das Smartphone, oft direkt in den persönlichen Feed. Für Jugendliche gehören solche Inhalte mittlerweile zum digitalen Alltag. Doch wie wirken sie sich auf die psychische Gesundheit aus?

Mit dieser Frage hat sich ein Team von Forschenden der Universität Regensburg beschäftigt. Prof. Dr. Romuald Brunner ist Kinder- und Jugendpsychiater und Inhaber des Lehrstuhls für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universität Regensburg am medbo Bezirksklinikum Regensburg. Zusammen mit Dr. Daniel Schleicher, Psychotherapeut und Erstautor der Studie, und ihrem Forschungsteam zeigten sie in einer Studie: Kriegs- und Gewaltdarstellungen in sozialen Medien können bei Jugendlichen Belastungsreaktionen hervorrufen. Entscheidend ist dabei jedoch nicht allein, wie häufig solche Inhalte gesehen werden. Auch die Art und Weise, wie junge Menschen sie emotional verarbeiten, spielt eine wichtige Rolle.

Noch nie war es so einfach, Ereignisse aus Krisenregionen in Echtzeit zu verfolgen. Während soziale Medien einerseits wichtige Informationen vermitteln, bringen sie andererseits auch Bilder von Leid, Zerstörung und Gewalt unmittelbar in den Alltag junger Menschen.

Die Regensburger Studie zeigt, wie selbstverständlich diese Inhalte mittlerweile Teil der digitalen Lebenswelt geworden sind. Die überwiegende Mehrheit der 2.000 befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 21 Jahren hatte bereits Kriegs- oder Gewaltdarstellungen in sozialen Medien gesehen. Besonders bemerkenswert: Mehr als die Hälfte berichtete, mit solchen Inhalten ungeplant über so genannte Feeds konfrontiert worden zu sein.

Für viele junge Menschen bleiben diese Eindrücke nicht folgenlos. Ein Teil der Befragten berichtete von Belastungssymptomen wie Vermeidungsverhalten, aufdrängenden Gedanken, erhöhter Anspannung oder Schlafproblemen.

Nicht jede Form von Empathie wirkt gleich

Ein besonders interessanter Befund der Studie betrifft die sogenannte somatische Empathie. Darunter versteht man die Fähigkeit, Gefühle anderer Menschen unmittelbar auch körperlich nachzuempfinden. Beim Beobachten von Leid oder Verletzungen können dadurch eigene körperliche Reaktionen wie Anspannung, Beklemmung oder Unwohlsein ausgelöst werden. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass Jugendliche mit einer stärker ausgeprägten somatischen Empathie häufiger Belastungsreaktionen nach dem Konsum von Kriegs- und Gewaltinhalten zeigen.

Menschen unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit zur Empathie. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass genau diese Unterschiede eine Rolle dabei spielen könnten, wie belastend Kriegs- und Gewaltinhalte in sozialen Medien erlebt würden“, so Dr. Schleicher.

Wichtig ist dabei: Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Empathie grundsätzlich problematisch ist. Mitgefühl, Anteilnahme und die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, sind zentrale soziale Kompetenzen. Die Studie macht jedoch deutlich, dass ein besonders intensives körperliches Miterleben fremden Leids auch mit einer höheren emotionalen Belastung verbunden sein kann.

Emotionale Kompetenz als Schutzfaktor

Mindestens ebenso bedeutsam wie die somatische Empathie ist ein weiterer Befund der Studie: die Rolle der emotionalen Bewusstheit.

Jugendliche, die ihre Gefühle gut wahrnehmen, benennen und einordnen können, scheinen belastende Inhalte besser zu verarbeiten. Wer dagegen Schwierigkeiten hat, eigene emotionale Reaktionen zu erkennen, berichtet häufiger über Stresssymptome.

Damit lenkt die Studie den Blick auf einen Aspekt, der in Diskussionen über soziale Medien häufig zu kurz kommt: die Bedeutung emotionaler Kompetenz.

„Die Studie zeigt, dass somatische Empathie und emotionale Bewusstheit wichtige Faktoren dafür sind, wie Jugendliche auf belastende Inhalte reagieren. Prävention sollte deshalb nicht nur bei der Mediennutzung ansetzen, sondern auch bei der Förderung emotionaler Kompetenzen“, sagt Prof. Brunner. 

Medienkompetenz reicht allein nicht aus

Wenn von Medienkompetenz die Rede ist, geht es meist um Fragen wie Quellenkritik, Faktenchecks oder den Umgang mit Desinformation. Diese Fähigkeiten bleiben wichtig. Die Ergebnisse der Studie legen jedoch nahe, dass sie allein nicht ausreichen.

Genauso bedeutsam sei aber die Fähigkeit, die eigenen emotionalen Reaktionen wahrzunehmen und angemessen mit ihnen umzugehen. Jugendliche müssten lernen, zu erkennen, wann sie belastet sind, welche Inhalte sie besonders beschäftigen und welche Strategien ihnen helfen, Abstand zu gewinnen. Wichtig sei etwa mit anderen darüber zu sprechen und die eigenen emotionalen Grenzen zu kennen und zu schützen. 

„Dazu können beispielsweise bewusste Pausen von sozialen Medien, Gespräche mit Freunden, Eltern oder Fachpersonen sowie Techniken zur Emotionsregulation gehören. Wer versteht, was die eigenen Gefühle auslöst und wie man mit ihnen umgehen kann, ist besser auf die Herausforderungen einer digital vernetzten Welt vorbereitet“ sagt Dr. Schleicher.

Eine Aufgabe für Familien, Schulen und Plattformen

Die Studienergebnisse verdeutlichen, dass der Umgang mit belastenden Online-Inhalten nicht allein den Jugendlichen überlassen werden kann. Eltern, Schulen und andere Bildungseinrichtungen können dazu beitragen, emotionale Kompetenzen gezielt zu fördern und Räume für Gespräche über belastende Ereignisse zu schaffen.

Aber es stellt sich auch die Frage nach der Verantwortung der Plattformen selbst. Wenn Gewalt- und Kriegsdarstellungen ungefragt in Feeds erscheinen, betrifft dies nicht nur die Informationsvermittlung, sondern möglicherweise auch das psychische Wohlbefinden junger Nutzerinnen und Nutzer. „Das Einstreuen von Gewaltinhalten in soziale Medien könnte durch die Plattformen reguliert werden und sollte eine zentrale Forderung in der aktuellen Debatte über die psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen durch die Nutzung sozialer Medien sein“, fordert Prof. Brunner.

Die Regensburger Studie zeigt, dass die Wirkung von Kriegs- und Gewaltinhalten in sozialen Medien weit über die Frage hinausgeht, wie häufig Jugendliche solchen Darstellungen begegnen. Entscheidend sind auch individuelle Faktoren wie somatische Empathie und emotionale Bewusstheit.

Gerade in einer Zeit, in der globale Krisen nahezu in Echtzeit auf den Bildschirmen junger Menschen erscheinen, gewinnt die Förderung emotionaler Kompetenzen an Bedeutung. Denn wer die eigenen Gefühle verstehen, einordnen und regulieren kann, ist besser darauf vorbereitet, mit den Belastungen einer zunehmend von Krisenbildern geprägten digitalen Welt umzugehen.

Die Ergebnisse der Studie kurz zusammengefasst

Von den 2.000 befragten Jugendlichen gaben 1.860 (93 %) an, Kriegs- oder Gewaltdarstellungen in sozialen Medien gesehen zu haben. Unter diesen berichteten 26,1 % von Vermeidungsverhalten, 21,7 % von belastenden Intrusionen (z. B. aufdrängenden Gedanken oder Bildern), 14,7 % von erhöhter Anspannung (Hyperarousal) und 10,6 % von Schlafproblemen infolge der gesehenen Inhalte. 

Hervorzuheben ist, dass 56 % der Befragten angaben, über sogenannte Feeds unfreiwillig mit Gewaltdarstellungen konfrontiert worden zu sein. 

Originalstudie

Schleicher D, Jarvers I, Ecker A, Kandsperger S, Brunner R. Post-traumatic stress following social media war violence: role of empathy and emotional awareness in youth. BJPsych Open. 2026;12(4):e150. doi:10.1192/bjo.2026.12014

 

Kontakt

Prof. Dr. med. Romuald Brunner
Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
der Universität Regensburg am Bezirksklinikum Regensburg

Tel      +49 (0) 941 / 941-4001
Mail      Romuald.Brunner​@​medbo.de

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