Wie kann Künstliche Intelligenz bereits in der Grundschule so vermittelt werden, dass Kinder neugierig, kreativ und kritisch damit umgehen lernen? Dieser Frage ging im Schuljahr 2025/26 ein gemeinsames Projekt der Universität Regensburg und der Klasse 4b der Grundschule Pettendorf-Pielenhofen nach. 

Im Seminar „KI und Unterricht: Kreative Ideen für die Grundschule entwickeln“ entwickelten Lehramtsstudierende zusammen mit den Schüler:innen altersgerechte Unterrichts- und Spielkonzepte rund um das Thema KI. KI wurde dabei nicht als bloßes Werkzeug verstanden, sondern als pädagogische und gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe. 

Fünf Spiele sind dabei entstanden:
5 Abenteurer retten die Tiere
Interaktives 3D-Abenteuerspiel in CoSpaces, bei dem fünf Abenteurer im Dschungel Tiere vor einem Piraten retten müssen.
Diebe im Pettendorfer Hofladen
Interaktives Detektivspiel im virtuellen Nachbau eines echten lokalen Hofladens.
Kollektor - Fake-Posts erkennen
Eine spielerische Web-App zum Erkennen von Falschinformationen und KI-generierten Bildern in Social Media.
Die verschwundenen Weltfußballer
Physisches Detektivspiel mit fünf Rätselstationen rund um die Entführung von Fußballstars.
Die Suche nach dem Weihnachtsbuch
Interaktives 3D-Weihnachtsspiel mit Rätseln und handgemalten Kinderbildern.

Praktisch stand weniger die Vermittlung einer Technik im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erkunden: Kinder stellten eigene Fragen, erforschten spielerisch Unterschiede zwischen Mensch und Maschine und entwarfen kreative Szenarien, in denen KI kritisch, reflektiert – und manchmal auch ganz überraschend – thematisiert wurde. 

Gefördert durch die DigiLabUR-Lehrprojektförderung 2025/26 zeigt das Projekt, wie fruchtbar ein dialogorientiertes Lernsetting sein kann, in dem Studierende und Grundschulkinder gemeinsam experimentieren, nachdenken und gestalten.

Im Interview berichtet die Projektleiterin Dr. Stefanie Nickel darüber, welche Erkenntnisse sich aus der Zusammenarbeit ergeben und was Schulen sowie Lehrerbildungseinrichtungen daraus für die Zukunft mitnehmen können.
Stefanie Nickel ist Akademische Rätin und Habilitandin an der Universität Regensburg und beschäftigt sich in ihrer Forschung mit Fragen von Digitalität, Teilhabe und Professionalisierung und Transfer von Professionswissen in die Praxis. 

Ihre Arbeit verbindet bildungswissenschaftliche Perspektiven mit praxisnaher Schul- und Unterrichtsentwicklung, insbesondere im Kontext digitaler und KI‑gestützter Medien sowie handlungsorientierter Lernformen wie Game-based Learning.
 

Frau Dr. Nickel, welche der fünf Projekte haben Sie besonders beeindruckt?

Letztlich sind für mich alle fünf Spiele überzeugend, weil Lehrende und Lernende ko-konstruktiv und eigenständig gestaltet haben: Fragen, Ideen und Lösungswege wurden eingebracht, diskutiert, verworfen,…, statt vorbereitete Inhalte zu bearbeiten. 

Beeindruckt haben mich dabei unter anderem die Szenarien zur Fake-Post-Erkennung, weil dort deutlich wurde, dass Kinder sehr wohl in der Lage sind, KI-bezogene Inhalte kritisch zu hinterfragen. 

Ebenso stark finde ich das narrative Abenteuerspiel, in denen KI nicht abstrakt erklärt, sondern spielerisch erfahrbar wurde / wird. Und beeindruckend kreativ finde ich das Spiel der verschwundenen Weltfußballer, weil es digital und analog angelegt ist. 

Sehr eindrücklich sind zudem die Spiele, die problemlösungsorientiert angelegt sind und KI als Anlass genutzt haben, gemeinsam Strategien zu entwickeln, zu prüfen und weiterzudenken (=> wie z.B. Diebe im Dorfladen oder das Weihnachtsbuch).

Welche zentralen Erkenntnisse hat das Projekt insgesamt gebracht?

Die wichtigste Erkenntnis ist: Der Einsatz und Umgang mit KI in der Grundschule gelingt m.E. nach dann, wenn er handlungsorientiert, partizipativ und reflexiv angelegt ist. 

Das heißt, es geht nicht darum, Technik zu erklären oder in den Vordergrund zu stellen, sondern darum, partizipative Gestaltungsräume zu eröffnen, die ein tiefergehendes Einlassen und Verstehen, kreatives Handeln und kritisches Nachdenken ermöglichen sowie den ein oder anderen Flow-Moment zulassen. 

Außerdem hat sich für mich gezeigt, wie gewinnbringend die Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Schüler:innen sein kann: Lernen wurde zu einem dialogischen Prozess auf Augenhöhe in einem angstfreien Raum, der auf dem Gedanken einer partizipativen Kultur aufbaut.

Grundgedanken des KI-Meta-Modells

Künstliche Intelligenz sollte, im Sinne einer multiperspektivischen Betrachtung digital vernetzter Phänomene, sowohl aus analytischen, reflexiven als auch gestaltungsorientierten Perspektiven untersucht werden, um Potenziale und Risiken ihres Einsatzes systematisch abzuwägen. Dabei sind sowohl Fragen der Nutzungspraxis als auch der technischen Funktionsweise sowie deren gesellschaftliche und kulturelle Auswirkungen zu berücksichtigen.

Zur Erweiterung der Grundgedanken des Frankfurtdreiecks ist es erforderlich, künstliche Intelligenz und Prozesse maschinellen Lernens auf einer Metaebene zu verorten. Insbesondere ethische Fragestellungen im Kontext der Softwareentwicklung und -nutzung rücken dabei in den Vordergrund. Verantwortung entsteht hier unter anderem durch die Festlegung grundlegender Systemprinzipien sowie durch Maßnahmen zur Reduktion datenbezogener Verzerrungen (Bias) bei der Erhebung und Verwendung von Datensätzen.

Darüber hinaus besteht eine Wechselbeziehung zwischen den ethischen Implikationen des KI-Einsatzes und der individuellen kritisch-reflexiven Urteils- und Handlungskompetenz. Diese zeigt sich unabhängig davon, ob KI-Systeme zur Generierung von Inhalten (z.B. Bilder oder Videos), zur Textproduktion oder zur Entscheidungsfindung in autonomen Systemen wie dem automatisierten Fahren eingesetzt werden.

Schließlich ist auch das Verhältnis zwischen informatischem Denken und kritisch-reflexiver Auseinandersetzung zu betrachten. Obwohl informatische Repräsentationsformen häufig formal oder mathematisch strukturiert sind, gehören Problemanalyse, Zerlegung komplexer Sachverhalte und Abstraktionsfähigkeit zu den zentralen Kompetenzen. Die Algorithmisierung stellt dabei einen nachgelagerten Schritt dar. KI-Systeme wie z. B. GPT-Modelle können dazu beitragen, formale Zugangshürden zur Informatik zu senken. Dadurch lassen sich Potenziale für divergentes und kreatives Problemlösen im Sinne des Computational Thinking stärker erschließen.

Was bedeuten die Erkenntnisse für Schule und Lehrerbildung?

Für Schule heißt das: KI sollte nicht als Zusatzthema behandelt werden, sondern als integrierter Teil von Medienbildung, Demokratiebildung und kulturellem Lernen.

Für die Lehrerbildung bedeutet es, dass angehende Lehrkräfte nicht nur Tools kennenlernen, sondern didaktische Konzepte entwickeln, erproben und reflektieren. 

Professionalisierung heißt hier: pädagogische Urteils- und Handlungsfähigkeit im Umgang mit KI. 

Wie kann man konkret in die Umsetzung gehen?

Ein guter Weg sind m.E. direkt im Unterricht integrierte Pilotprojekte, verbunden mit klaren Reflexionsphasen und wissenschaftlicher Begleitung. 

In der Lehrerbildung eignen sich dafür projektbasierte Seminare, in denen Studierende gemeinsam mit Schüler:innen Unterrichtsideen entwickeln, in Schulen oder außerschulischen Lernorten erproben und wissenschaftlich auswerten (Theorie-Praxis-Verzahnung).

Als zentral empfinde ich eine dialogische Verzahnung entlang der gesamten Bildungslandschaft: Hochschule, Schule und außerschulische Lernorte. Hier profitieren Lehramtsstudierende von externen Expert:innen, erleben sich als professionell Handelnde direkt im Feld, während Schüler:innen in einem offenen Raum ohne Bewertung mitbestimmen können. 

Hierfür sollten Schulen Zeitfenster für die kollaborative Entwicklung und einen kollegialen Austausch schaffen.

Was muss vor einer breiten Umsetzung geklärt werden?

Für besonders relevant halte ich, dass Forscher:innen, Entwickler:innen und Anwender:innen (=> Studierende, Lehrkräfte, Schüler:innen) sich als handlungsmächtige Subjekte verstehen, um gemeinsam zu aktiven Ko-Gestalter:innen einer partizipativ-interaktiven Lernkultur werden.

Ebenso wichtig sind Fragen zu Datenschutz, Ethik und verantwortungsvollem Einsatz. Hierfür eignet sich eine multiperspektivische Herangehensweise, z.B. im Sinne des KI-Meta-Modells. 

Auch braucht es strukturelle Rahmenbedingungen: technische Ausstattung und ganz besonders Fortbildungsangebote, die methodische-didaktische Aspekte sowie bildungsphilosophische Fragen behandeln und eine curriculare Verankerung für die gezielte Kompetenzanbahnung.
 

Weitere Informationen zum Projekt

Autenrieth, D., & Nickel, S. (2025). Mensch, KI und Bildung im Spiegel philosophischer und medienpädagogischer Reflexion: Handlungsorientierte Medienpädagogik und AI-Alignment. Medienimpulse, 63(3), 53 Seiten. https://doi.org/10.21243/mi-03-25-20

Autenrieth, D., & Nickel, S. (2023). Das KI-Meta-Modell. Handlungsleitende Strukturen für den Umgang mit künstlicher Intelligenz im Bildungsbereich. technik-education (tedu). Fachzeitschrift für Unterrichtspraxis und Unterrichtsforschung im allgemeinbildenden Technikunterricht, 3(2), 14–20. https://doi.org/10.25656/01:28646

Autenrieth, D. (2025). How AI Systems Think About Education. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.18056112

https://kudikupa.de/

Kontakt

Dr. Stefanie Nickel
Fakultät für Humanwissenschaften
Institut für Bildungswissenschaft
Lehrstuhl für Grundschulpädagogik & -didaktik (Diversität) 
Universität Regensburg
Tel. +49 (0) 1525 189-8374
Email. stefanie.nickel@ur.de
 

Comments

No Comments

Write comment

* These fields are required