Wie erzählt man Wissenschaftsgeschichte, ohne in die üblichen Muster zu verfallen? Ohne die Geschichte großer Genies, ohne lineare Fortschrittserzählungen und ohne den Reflex, jede lokale Geschichte künstlich mit den großen Namen der Wissenschaft zu verknüpfen?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Team hinter der Ausstellung „Ad Astra – 50 Jahre Verein der Freunde der Sternwarte Regensburg“, die noch bis zum 11. September 2026 im Historischen Museum Regensburg zu sehen ist. Entstanden ist dabei weit mehr als eine Ausstellung über Astronomie. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Wissenschaftskommunikation alternativ gedacht werden kann.

Mehr als Kepler
Wer an Astronomiegeschichte in Regensburg denkt, kommt an Johannes Kepler nicht vorbei. Schließlich gilt der berühmte Astronom als eng mit Regensburg verbunden. Für die Ausstellungsmacherinnen und -macher war aber genau eine Herausforderung. „Wir haben eine monumentale Figur der Wissenschafts- und der Astronomiegeschichte in Regensburg. Allerdings hat Kepler hier nicht geforscht“, so Dr. Christian Reiß, wissenschaftlicher Assistent an der Professur für Wissenschaftsgeschichte der Universität Regensburg.

Torsten Bendl, der seine Doktorarbeit an der Professur für Wissenschaftsgeschichte schreibt, hat die Ausstellung in Kooperation mit den Museen der Stadt Regensburg, dem Verein der Freunde der Sternwarte Regensburg e.V. und der Juniorprofessur für Public History konzipiert und organisiert. Anlass ist das 50. Gründungsjubiläums des Vereins der Freunde der Sternwarte. Torsten Bendl ist als Schatzmeister im Vorstand des Vereins und hatte die Idee, die Geschichte der Astronomie in Regensburg anlässlich des Jubiläums vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart in einer Ausstellung zu beleuchten. Ein wesentlicher Teil der Ausstellungsstücke stammt dabei aus der historischen Instrumentensammlung der Professur für Wissenschaftsgeschichte.

Statt die lokale Geschichte künstlich an die weltbekannte Persönlichkeit Keplers anzubinden, wollten die Beteiligten die Geschichte erzählen, die tatsächlich in Regensburg stattgefunden hat: die Geschichte von Menschen, die sich über Jahrhunderte mit Astronomie beschäftigt haben – im Kloster St. Emmeram, in der Vorläufer-Institution der Universität Regensburg – dem Lyzeum – und schließlich in der Volkssternwarte.

Dabei stand nicht die Frage im Mittelpunkt, welche bahnbrechenden Entdeckungen in Regensburg gemacht wurden. Die Antwort wäre ohnehin ernüchternd ausgefallen. Vielmehr interessierte die Forschenden ein anderer Blickwinkel: Welche Rolle spielte Astronomie im Leben der Menschen? Wie wurde Wissen vermittelt? Welche Instrumente wurden verwendet? Und nicht zuletzt: Welche Rolle spielte Astronomie im Leben der Menschen?

Eine Ausstellung aus vielen Welten

Die Idee zur Ausstellung entstand Ende 2024 im Zuge der Planungen für das 50-jährige Jubiläum des Vereins der Freunde der Sternwarte Regensburg. Konkretisiert wurde sie im Sommer 2025 im Seminar „Teleskope & Tradition: Astronomiegeschichte als Ausstellungsprojekt“, in dem Studierende gemeinsam mit einem interdisziplinären Team aus Dozierenden Konzepte zur öffentlichen Vermittlung astronomischer Objekte erarbeiteten. 

Knapp 20 Teilnehmende erarbeiteten erste Konzepte, von denen viele später tatsächlich umgesetzt wurden. Anschließend kamen weitere Akteure hinzu: Vereinsmitglieder bereiteten die Geschichte der Sternwarte auf, Studierende entwickelten Vermittlungsstationen, das Historische Museum ergänzte die Ausstellung mit eigenen Objekten und Inhalten und stellte Räume und technische Unterstützung bereit. Letztlich waren rund 25 Personen beteiligt – die meisten ehrenamtlich. Die Beteiligten brachten unterschiedliche Vorstellungen davon mit, was eine Ausstellung sein sollte. Historiker fragten nach wissenschaftlicher Einordnung. Vereinsmitglieder wollten ihre Geschichte erzählen. Studierende entwickelten kreative Vermittlungsideen. 

Das Museum musste technische, räumliche und konservatorische Anforderungen berücksichtigen. Dass daraus am Ende eine konsistente Ausstellung entstand, war keineswegs selbstverständlich. „Die größte Herausforderung bestand dabei weniger in den Objekten als darin, die unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen und daraus eine gemeinsame Erzählung zu entwickeln und die Gruppe zusammenzuhalten“, so Torsten Bendl. Von der ersten Idee bis zur Eröffnung vergingen nur rund anderthalb Jahre – ein für ein solches Projekt ungewöhnlich kurzer Zeitraum, der nur durch das Engagement aller Beteiligten möglich wurde.

Keine Fortschrittsgeschichte

Besonders spannend ist, welche Geschichte die Kuratoren bewusst nicht erzählen wollten. „Viele Wissenschaftsausstellungen folgen einem bekannten Muster: von den einfachen Anfängen zu immer größeren Erfolgen, von primitiven Instrumenten zu moderner Hochtechnologie“, so Christian Reiß. Die Regensburger Ausstellung geht einen anderen Weg: Sie vermeidet sowohl die klassische Fortschrittserzählung als auch eine bloße chronologische Aneinanderreihung von Objekten.
Stattdessen ist sie entlang von drei übergeordneten Themen strukturiert:

• Forschung
• Vermittlung
• Repräsentation

Dahinter steht ein erweitertes Verständnis von Wissenschaft: Sie besteht nicht nur aus Entdeckungen, sondern ebenso aus Lehre, Kommunikation und gesellschaftlicher Bedeutung. So war ein Teleskop nicht allein ein Forschungsinstrument, sondern konnte auch als Statussymbol fungieren. Astronomie erschöpfte sich nicht in der Produktion von Wissen – sie umfasste immer auch dessen Vermittlung.
 

Warum Ausstellungen anders funktionieren als Texte

Im Gespräch stellt sich eine Frage, die weit über die konkrete Ausstellung hinausreicht: Was kann eine Ausstellung leisten, was ein Text nicht kann?
Die Antwort ist zunächst überraschend einfach. „Man kann eine Ausstellung wie eine Kunstausstellung betrachten – eher beiläufig oder sehr vertieft, je nach Interesse und Vorwissen“, sagt Torsten Bendl. 

Eine Ausstellung spricht damit unterschiedliche Zugänge gleichzeitig an: Sie kann niedrigschwellig funktionieren und zugleich Raum für intensive Auseinandersetzung bieten. Hinzu kommt eine zweite, grundlegendere Ebene. „Mit einem Objekt, das ich anschauen kann, bekomme ich einen anderen Zugang zu einem Thema, als wenn ich nur darüber lese – zumindest in den Naturwissenschaften“, so Bendl.

Der Unterschied lässt sich präzise fassen: 

  • Ein Text beschreibt. Eine Ausstellung zeigt.
  • Ein Text kann erklären, dass Menschen den Himmel beobachtet haben. 
  • Eine Ausstellung zeigt das Instrument, durch das sie blickten.
  • Ein Text vermittelt Wissen. 
  • Eine Ausstellung ermöglicht eine unmittelbare Begegnung mit den materiellen Grundlagen dieses Wissens.

Gerade darin zeigt sich die spezifische Qualität des Ausstellungsformats:  Auch wenn geschichtswissenschaftliche Forschung ohne Objekte möglich ist, eröffnet in diesem Fall die unmittelbare Begegnung mit ihnen eine zusätzliche Dimension. Größe, Materialität, Gebrauchsspuren – all das lässt sich nur begrenzt beschreiben, aber unmittelbar erfahren. Objekte machen außerdem neugierig und laden manche Betrachter erst dazu ein, sich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen.

Ein besonders bemerkenswertes Objekt der Ausstellung ist eine mittelalterliche Sphära aus dem 11. Jahrhundert - eines der ältesten astronomischen Instrumente der Ausstellung.

Über dieses Objekt wurde bereits intensiv geforscht, und seine wissenschaftliche Funktion ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Die Sphäre selbst befand sich dabei stets im Museum, wurde dort jedoch nicht als astronomisches Instrument, sondern als kunsthistorisches Objekt eingeordnet. In der Ausstellung wird die Sphära nun erstmals konsequent in einem astronomiehistorischen Kontext gezeigt.

Kurz: Die Ausstellung zeichnet die Geschichte der Astronomie in Regensburg vom Mittelalter bis in die Gegenwart nach. Sie zeigt, wie astronomisches Wissen in unterschiedlichen Kontexten weitergegeben wurde – in Klöstern, in Lehrsammlungen und schließlich in der Volkssternwarte.

Kontakt: 

Dr. Christian Reiß
Professur für Wissenschaftsgeschichte
Universität Regensburg
E-Mail: Christian.Reiss@psk.uni-regensburg.de

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