Ein Blick in die Teaching Clinic

Wie lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Pädagogik so nutzen, dass sie im Schulalltag wirklich ankommen? Mit genau dieser Frage beschäftigt sich Prof. Dr. Elena Stamouli an der Universität Regensburg. Seit 2010 lehrt und forscht sie dort im Bereich der Allgemeinen Pädagogik für das Lehramt.
Ihr akademischer Weg begann in Griechenland mit einem Lehramtsstudium in Ioannina und einem Germanistikstudium in Thessaloniki. Für Promotion und Habilitation wechselte sie nach Regensburg. Bis heute verbindet sie in ihrer Arbeit internationale Perspektiven mit einem klaren Fokus auf die Praxis.
Inhaltlich beschäftigt sich Stamouli mit zentralen Fragen rund um Lernen, Bildung und Professionalisierung: Wie entwickeln Lehrkräfte ihre Kompetenzen? Ein besonderes Anliegen ist ihr dabei, Theorie und Praxis enger miteinander zu verzahnen.
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist die Teaching Clinic (TC), die sie gemeinsam mit einem Team leitet. Ziel dieses Ansatzes ist es, Theorie und Praxis der Lehrerbildung nicht erst im Referendariat, sondern bereits im Studium eng miteinander zu verbinden. Die Teaching Clinic ist Teil des internationalen Transferprojekts International Teaching Clinic Network (ITCN), das im Rahmen des Erasmus+-Programms der Europäischen Union über drei Jahre gefördert wird und an der Universität Regensburg derzeit in sein letztes Projektjahr geht.
In Regensburg arbeitet ein fünfköpfiges Team an der Umsetzung, eingebunden in ein Netzwerk von insgesamt vier beteiligten Universitäten; die Hauptkoordination liegt bei den Standorten Wien und Regensburg. Unterstützt wird das Projekt vom Regensburger Universitätszentrum für Lehrerbildung (RUL), das Partnerschulen vermittelt und von Frau Dr. Stefanie Rumm, Projektkoordinatorin in der Verwaltung der Universität Regenburg.
Konkret funktioniert die Teaching Clinic so: Lehrkräfte bringen Fragen und Herausforderungen aus ihrem Schulalltag ein – etwa zum Umgang mit heterogenen Klassen, zu Feedbackmethoden oder zu Elterngesprächen. Lehramtsstudierende greifen diese Themen in ihren Lehrveranstaltungen auf und entwickeln auf Basis aktueller Forschung konkrete Lehr-Lern-Materialien und Methoden, die sie den Schulen zur Verfügung stellen.
„Wir schaffen mit der Teaching Clinic eine nachhaltig wachsende Wissensbasis: Dokumentierte Fälle können in einer Datenbank von Lehrkräften und Lehramtsstudierenden recherchiert und in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt werden.“
E. Stamouli
So entsteht ein Austausch, von dem alle profitieren: Studierende sammeln realitätsnahe Praxiserfahrungen, Lehrkräfte erhalten neue Impulse, und wissenschaftliche Erkenntnisse finden ihren Weg direkt in die Schule. Für Elena Stamouli zeigt sich darin, wie moderne Lehrerbildung aussehen kann – praxisnah, kooperativ und gesellschaftlich relevant.
Nachgefragt
Frau Prof. Stamouli, Was ist die Teaching Clinic – und warum ist sie für Lehramtsstudierende spannend?
Die Teaching Clinic (TC) ist ein praxisnahes Lehr-Lernformat in der Lehrkräftebildung, das Studierenden einen geschützten „Trainingsraum“ bietet, um pädagogisches Handeln unter realitätsnahen Bedingungen zu erproben und weiterzuentwickeln.
Im Mittelpunkt steht ein forschungsbasiertes Service-Learning-Konzept: Lehramtsstudierende bearbeiten von Lehrkräften eingebrachte schulische Fragestellungen (Probleme) theoriegeleitet und empirisch fundiert. Spannend und besonders innovativ ist dabei das triadische Kooperationsmodel, das Forschung, universitäre Lehre und Schulpraxis eng miteinander verknüpft. Dadurch werden wissenschaftliches Arbeiten, gesellschaftliches Engagement und praktischer Transfer in einem kohärenten Konzept vereint. Dabei kommt der forschenden Grundhaltung der Studierenden eine zentrale Bedeutung zu: Sie lernen, pädagogische Situationen systematisch zu beobachten, kritisch zu hinterfragen und auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse fundierte Entscheidungen zu treffen. Diese analytische und reflektierte Herangehensweise ist meiner Ansicht nach eine wichtige Grundlage für professionelles Handeln im späteren Lehrberuf.
Wie lange gibt es die Teaching Clinic schon und wie ist sie entstanden?
Die TC wird an der UR seit Oktober 2023 durchgeführt und mit einem Gesamtvolumen von 400.000 Euro im Rahmen des Programms Erasmus+ von der Europäischen Union gefördert. An dem Projekt sind insgesamt vier Länder beteiligt: Österreich, Deutschland, Griechenland und Spanien. Die erste Teaching Clinic (TC) wurde im Jahr 2021 an der Universität Wien von Prof. Dr. Dominik Froehlich gegründet. Das Konzept der TC wurde bereits im Rahmen des Profformance International Higher Education Teacher Award 2021/22 mit dem 1. Platz in der nationalen sowie dem 2. Platz in der internationalen Wertung ausgezeichnet.
Wie viele Anfragen bekommen Sie und wie läuft das konkret ab?
Die Teaching Clinic erhält regelmäßig Anfragen von Lehrkräften, wobei die Nachfrage besonders zu Beginn eines Schulhalbjahres am höchsten ist. Die eingebrachten Fragestellungen werden im Rahmen von Seminaren aufgegriffen und von Studierenden forschungsbasiert bearbeitet (siehe dazu Abb. 1). Der Prozess erstreckt sich in der Regel über ein Semester (bei Bedarf über zwei Semester) und umfasst Analyse, theoretische Einordnung sowie die Entwicklung und Reflexion möglicher Interventionen. Die Lehrkräfte erhalten dadurch keine schnellen Lösungen, sondern fundierte, wissenschaftlich begründete und nachhaltige Handlungsperspektiven.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit Lehrkräften aus Schulen ab – und was nehmen Studierende daraus mit?
Ein zentraler Bestandteil der TC ist der regelmäßige Austausch zwischen allen Beteiligten, der so abläuft: Lehrkräfte bringen konkrete Fragestellungen aus dem Schulalltag ein, die von Studierenden aufgegriffen und forschungsbasiert bearbeitet werden. Dozierende begleiten diesen Prozess fachlich, strukturieren die wissenschaftliche Auseinandersetzung und unterstützen bei der theoretischen Einordnung sowie methodischen Umsetzung. Auf diese Weise lernen die Studierenden, pädagogische Situationen systematisch zu analysieren, theoriegeleitet zu reflektieren und Forschung gezielt für die Entwicklung pädagogischer Interventionen zu nutzen.
Welches Projekt hat die Studierenden besonders herausgefordert oder geprägt?
Es fällt schwer, ein einzelnes Projekt hervorzuheben, da die Fragestellungen in der Teaching Clinic grundsätzlich aus realen schulischen Herausforderungen hervorgehen und dadurch eine hohe Relevanz und Transferfähigkeit besitzen. Gerade diese Praxisnähe macht sie besonders anspruchsvoll, da sie selten eindeutige Lösungen zulassen. Die größte Herausforderung besteht für angehende Lehrkräfte jedoch darin, mit Alltagsunsicherheiten im schulischen Kontext professionell umzugehen und unterschiedliche Perspektiven systematisch zu berücksichtigen. Alltagsunsicherheiten im Schulkontext sind ein fester Bestandteil professionellen Handelns, da Unterricht und Schule von Komplexität und Dynamik geprägt sind. Mit diesen werden unsere Studierenden konfrontiert, wenn sie ihre Interventionen in den Klassen erproben.
Wie ist die Rückmeldung von Studierenden, schon im Studium an echten Problemen aus dem Schulalltag zu arbeiten?
Die Rückmeldungen der Studierenden sind überwiegend sehr positiv, insbesondere im Hinblick auf die Praxisnähe des Formats. Viele schätzen es, bereits im Studium mit realen schulischen Fragestellungen zu arbeiten und die Relevanz theoretischer Inhalte unmittelbar zu erfahren. Gleichzeitig wird die Möglichkeit hervorgehoben, eigenständig Lösungen zu entwickeln und diese kritisch zu reflektieren. Insgesamt wird die Teaching Clinic als eine Lernumgebung (Trainingsraum) wahrgenommen, die das Studium stärker mit der späteren Berufspraxis verbindet.
Bezugnehmend auf dem Bayerischen Hochschulinnovationsgesetz und der gezielten Vorbereitung von Studierenden auf ihr berufliches Tätigkeitsfeld stellt das TC-Projekt einen dreifachen Mehrwert für die Lehramtsstudierende der Universität Regensburg dar:
(1) Die TC berücksichtigt die Bedürfnisse von Lehramtsstudierenden, wie den Wunsch nach mehr Einblick in den „realen“ Schulkontext und den Erwerb gut übertragbarer Kompetenzen bzw. Kenntnissen.
(2) Ebenso werden die Bedürfnisse der Lehrkräfte berücksichtigt, die sich einen direkteren Zugang zu aktuellem Wissen und Unterstützung bei der Umsetzung pädagogischer Innovationen wünschen.
(3) Es gibt der Forschung einen klaren Zweck, was wichtig für die evidenzbasierte Praxis und die Kontextualisierung der Lehrkräftebildung ist.
Inwiefern ist die Zusammenarbeit mit Schulen, aber auch mit anderen Unis, z. B. der Uni Wien, und die Förderung durch Erasmus+ für Studierende interessant?
Die Zusammenarbeit mit Schulen und internationalen Partneruniversitäten eröffnet Studierenden die Möglichkeit, pädagogische Fragestellungen in unterschiedlichen Kontexten zu betrachten und zu vergleichen. Durch den Austausch mit Partnerinstitutionen, etwa in Österreich, Griechenland oder Spanien, gewinnen sie Einblicke in verschiedene Bildungssysteme und Perspektiven. Das TC-EU-Projekt sowie der in diesem SoSe2026 dazugehörige BIP-Kurs schaffen den Rahmen für eine internationale Vernetzung und ermöglichen es, Forschung, Theorie und Praxis über institutionelle und nationale Grenzen hinweg zu verbinden. Für Studierende entsteht auf diese Weise ein Austausch, der sie über nationale Grenzen hinweg unterstützt, inspiriert und fachlich bereichert.
Was lernt man in der Teaching Clinic, das im „normalen“ Studium oft zu kurz kommt?
Für Lehramtsstudierende eröffnet das forschungsbasierte Service-Learning-Konzept, das in der TC praktiziert wird, eine authentische Lernumgebung, in der theoretisches Wissen nicht abstrakt verbleibt, sondern forschungsgeleitet und handlungsorientiert auf reale, von Lehrkräften eingebrachte schulische Fragestellungen angewendet wird. Anstelle einer Simulation schulischer Praxis etabliert das Konzept der TC reale Kooperations- und Transferbeziehungen. Durch die Entwicklung, praktische Umsetzung und wiederholte Auswertung eigener Interventionen in enger Kooperation mit Lehrkräften sowie im kontinuierlichen Austausch mit Dozierenden verbinden die Studierenden Theorie, Forschung und Praxis in einem integrierten, zyklischen Lernprozess.
Die TC verbindet Forschung, Lehre und Praxis dabei nicht in additiver Weise, sondern in einem gemeinsamen Arbeitsprozess. Studierende erbringen im Rahmen ihres Studiums eine organisierte Dienstleistung (Service) für schulische Community-Partner (Partnerschulen des RUL) und generieren zugleich wissenschaftlich anschlussfähige Erkenntnisse. Die Innovation der TC liegt darin, dass sie Forschung als handlungsleitendes Element professioneller Ausbildung etabliert und zugleich die Third Mission als integralen Bestandteil universitärer Lehrkräftebildung wirksam macht.
Glossar
Triadisches Kooperationsmodell
Ein Kooperationsansatz, bei dem drei unterschiedliche Akteure – meist Wissenschaft, Lehramtsstudierende und Schulpraxis – eng zusammenarbeiten. Ziel ist es, Theorie, Ausbildung und Praxis systematisch zu verbinden, sodass alle Beteiligten voneinander profitieren und wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die schulische Praxis einfließen.
Service-Learning Konzept
Ein Lehr‑Lern-Ansatz, bei dem fachliches Lernen mit gesellschaftlichem Engagement verbunden wird. Studierende wenden ihr Wissen in realen Praxisprojekten an, übernehmen dabei konkrete Aufgaben für andere (z. B. Schulen) und reflektieren ihre Erfahrungen wissenschaftlich. Ziel ist es, theoretisches Lernen, praktische Erfahrung und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verknüpfen.
Profformance International Higher Education Teacher Award
Ein internationaler Preis, der im Rahmen des europäischen Projekts Profformance vergeben wird und herausragende Lehrleistungen in der Hochschulbildung auszeichnet. Prämiert werden innovative Lehrkonzepte und Methoden, die die Qualität von Lehre, Lernen und Internationalisierung an Hochschulen besonders fördern.
Kontextualisierung der Lehrkräftebildung
Bezeichnet den Ansatz, Lehrerbildung stärker an konkrete Bedingungen und Anforderungen der Praxis anzupassen. Dazu gehören z. B. schulische Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Entwicklungen oder die Vielfalt von Lernenden. Ziel ist es, angehende Lehrkräfte nicht nur theoretisch auszubilden, sondern ihre Kompetenzen im jeweiligen realen Kontext von Schule und Unterricht zu entwickeln.
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