Die Mythen der Lehre

Vorlesungen haben bei vielen einen schlechten Ruf. Sitzen und Zuhören hat im Lauf der Jahrzehnte an Attraktivität verloren. Digitale Medien sind unerlässlich, will man Lernerfolge garantieren – so die gängige Meinung. Als Beweis dafür gilt die oft zitierte Lernpyramide. Aus dieser lässt sich ableiten, dass eine Demonstration oder Vorführung zu einer dreimal höheren Behaltensleistung führt als das Lesen eines Textes.
Birgit Hawelka, Geschäftsführerin des Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsdidaktik an der Universität Regensburg, hat sich mit dieser Lernpyramide auseinandergesetzt. Ihr Fazit: Die Lernpyramide ist die Mutter aller Mythen, ein Mythos, dem Lehrende wie Lernende aufsitzen.
Foto: UR/Katharina Herkommer
Was sind Mythen der Hochschullehre?
Mythen ist in diesem Fall ein anderer Begriff für Fehlvorstellungen, misconceptions, darüber, was „gute Lehre“ an Hochschulen ausmacht.
Dazu gehören die zitierte Lernpyramide oder aber die Annahme, dass es unterschiedliche Lerntypen, etwa „visuelle“, „auditive“ oder „kinästhetische“, gibt. Birgit Hawelka vermutet, dass manche dieser Annahmen auf persönlichen Erfahrungen oder Traditionen beruhen, vielleicht auch einfach plausibel erscheinen. Durch Forschung gestützt sind sie jedoch nicht.
Erstaunlicherweise halten sie sich dennoch hartnäckig. Solche Mythen werden in Gesprächen von Lehrenden und Studierenden weitergegeben, tauchen in Leitfäden auf oder prägen die Gestaltung von Seminaren und Vorlesungen implizit mit. Aktuell widmen Birgit Hawelka und ihre Kolleginnen im „Lehrblick“ des Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsdidaktik (ZHW) der Universität Regensburg solchen Bildungsmythen eine ganze Reihe. Der „Lehrblick“ gehört zu den wenigen Blogs in Deutschland, die sich regelmäßig Lehrkonzepten widmen und sie hinterfragen.
Neben Lehrkonzepten finden sich im „Lehrblick“ Beiträge zu Lehrpraxis, Lehrportraits und Lehrtipps. Lehrblick-Autorinnen des ZHW sind neben Birgit Hawelka, Dr. Regine Bachmaier, Dr. Linda Puppe und Dr. Stephanie Rottmeier. Daneben kommen Gastautorinnen und Gastautoren zu Wort.
Am ZHW der Universität Regensburg. Foto: UR/Markus Meilinger
Was bietet der „Lehrblick“?
Die Blogbeiträge sollen inspirieren und Evidenz zur Hochschuldidaktik präsentieren, die ansonsten in der Regel nicht bis zu den Lehrenden in den verschiedenen Fachbereichen durchsickert. „Wie sollen Lehrende aus verschiedenen Fachbereichen die Zeit finden, Fachjournals zur Hochschuldidaktik zu lesen?“, erinnert die Pädagogin. Das ZHW und der „Lehrblick“ bereiten sie daher für sie auf und sprechen sie in größeren Kontexten an.
Das Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsdidaktik (ZHW) ist eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Regensburg. Als teaching hub unterstützt und vernetzt es alle Lehrenden der UR, die evidenzbasierte Anregungen zur Gestaltung von Studium und Lehre suchen. Professor Dr. Sven Hilbert ist der wissenschaftliche Leiter des ZHW.
So organisierte das ZHW 2025 beispielsweise ein fachübergreifendes Event an der UR, das Spotlight on Teaching. Die Keynote kam von Dr. Stefan T. Siegel, der über Mythen in der Hochschullehre sprach und ebenfalls als Gastautor im Blog zu finden ist. Am 5. Mai 2026 wird Birgit Hawelka im UR-Format Uni goes Downtown zum Thema sprechen.
Wie lassen sich Mythen entlarven?
Die Dinge hinterfragen: „Meistens ist es ein Mythos, wenn es zu einfach ist. Lernen ist komplex!“, betont Hawelka und mahnt bei schlecht nachvollziehbaren Quellen grundsätzlich zur Vorsicht. Sie erinnert an die Denkspiele, die gewitzte Algorithmen in unseren Social-Media-Feed schleusen: „Wenn Sie diese Aufgabe lösen, ist die linke Hirnhälfte dominant.“ Oder: „Wenn Sie aus diesem Labyrinth herausfinden, ist Ihr IQ höher als 130.“ Es ist jedoch eine komplexe Angelegenheit, den IQ zu ermitteln. Scrollen Sie weiter.
Es ist zu befürchten, dass KI die Mythenbildung verstärkt.
„KI spuckt uns aus, was die meisten denken. Aber was die meisten denken, ist nicht immer gesichertes Fachwissen.“ Hawelka verweist auf die neuen KI-Zusammenfassungen, die inzwischen am Anfang jeder Trefferliste bei Internetrecherchen erscheinen. „Wie differenziert diese Zusammenfassungen ausfallen, können wir in der Regel nicht beurteilen.“ Daher warnt die Pädagogin auch davor, sich bei der Unterrichtsplanung ausschließlich auf KI zu verlassen.
Warum sollten sich Lehrende hochschuldidaktisch fortbilden?
„In der Regel lehrt man so, wie man selbst sozialisiert wurde bzw. es selbst erlebt hat“, sagt Hawelka. Das ZHW möchte mit seinen Veranstaltungen dazu anregen, die eigenen Vorstellungen kritisch zu hinterfragen, um möglicherweise vorhandene Fehlvorstellungen aufzudecken. „Bewusste Reflexion ist entscheidend.“
Das ZHW bietet Lehrenden eine Zusatzausbildung an und berät sie. Auch das hilft, Mythen vorzubeugen. Denn in der Hochschuldidaktik ist es anders als in der Schulpädagogik: In der Schulpädagogik fließt die dazugehörige Forschung systematisch in die Ausbildung der Lehrkräfte ein. Die Workshops des ZHW sind freiwillig und erreichen nur einen Teil der Lehrenden, insbesondere Doktoranden und Postdocs.
Vielleicht schüttelt man heimlich schon mal den Kopf über den Kollegen, die sich auf Tafel und Kreide verlässt, oder über die Kollegin, die alles multimedial aufbereitet.
Hawelka hält es für notwendig und bereichernd, Lehransätze anderer kennenzulernen. In der Forschung wisse man, wie und wo die Community stehe, „bei der Lehre wisse man es nicht“. „Das bräuchte auch ein wenig Community-Building innerhalb der Fachbereiche“, sagt Hawelka, „und wenn ich groß träumen darf, auch zwischen den Fachbereichen.“
Daneben wünscht sich Hawelka mehr studentisches Engagement. Beim Lehrinnovationspreis der Universität Regensburg können beispielsweise auch Studierende Vorschläge machen. Bisherige Kooperationsversuche und regelmäßige Gespräche mit den Fachschaften waren jedoch wenig erfolgreich. Ein studentischer Beirat kam nicht zustande. Hawelkas Appell lautet daher: „Wir sind gerne bereit, die Vorstellungen der Studierenden in Bezug auf die Lehre stärker zu unterstützen.“
2026 wird das ZHW der Universität Regensburg 25 Jahre alt.
Am 10. Juni 2026 feiert das ZHW sein 25-jähriges Bestehen, verbunden mit einem weiteren fakultätsübergreifenden „Spotlight on Teaching“ zum Thema Wissenschaftskommunikation. Die Keynote hält Neurologe und Autor Professor Dr. Volker Busch. Mehr zur Veranstaltung.
Das Fazit zum Thema Vorlesung?
„Für die Vermittlung von theoretischem Wissen ist eine Vorlesung mit Sicherheit nicht die schlechteste Lehrform“, sagt die Expertin. Vergessen wir also getrost einmal die Lernpyramide. Zentral ist laut Pädagogin Hawelka die Frage: „Was will ich lernen?“ Gruppenarbeit, problemorientiertes Lernen und Projekte? „Sinnvoll und wichtig.“ Aber: „Davor muss ich eine gemeinsame Wissensbasis schaffen.“ Eine Vorlesung eignet sich dafür hervorragend.
Zudem können Lehrpersonen Spannendes erzählen, eigene Erfahrungen einbringen, Hinweise geben und mit den Studierenden in Interaktion treten. Ein Blitzlicht des UR ScienceBlogs auf dem Campus im Sommer 2025 zeigte stichprobenartig, wie wichtig dies den Studierenden ist. Ob sie sich trauen, Fragen zu stellen, hängt vom Kursklima und der Lehrperson ab. „Man muss in den Lehrveranstaltungen eine Atmosphäre schaffen, die psychologische Sicherheit gibt“, sagt Hawelka, „Dann trauen sich die Studierenden auch eher, fehlerhafte Antworten zu geben."
Selektive Aufmerksamkeit
Abschließend erinnert Hawelka noch einmal daran, dass Menschen selektiv wahrnehmen. Egal, wie spannend die Vorlesung ist – wir alle lassen uns ablenken. Sei es durch den flackernden Beamer, die Mütze des Kommilitonen oder das Poster an der Wand. Das menschliche Gehirn filtert und kann sich nicht permanent auf alles konzentrieren und alles behalten. Ein Grund dafür ist, dass die Aufmerksamkeit nicht immer dort ist, wo Lehrende sie erwarten.
Birgit Hawelka hat ein kognitionspsychologisches Experiment parat, das beweist: Als Zuhörende bekomme ich in der Regel nur mit, worauf ich gerade meinen Fokus lege.
Probieren Sie es aus! Viel Vergnügen!
Weitere Informationen
Zum Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsdidaktik der Universität Regensburg - ZHW
Zum Blog Lehrblick
Zur “Lernpyramide”: Hawelka, B. (2022, 7. April). Mythen. Lehrblick – ZHW Uni Regensburg. https://doi.org/10.5283/ZHW.20220407.DE
Zur Reihe “Mythen” im Lehrblick
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