Wie wichtig sind feinmotorische Fähigkeiten für den schulischen Erfolg von Kindern? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher Prof. Dr. Sebastian Suggate, Viktoria Karle und Prof. Dr. Heidrun Stöger von der Universität Regensburg. In zwei umfangreichen Metaanalysen haben sie mehr als 170 internationale Studien mit über 120.000 Kindern und Jugendlichen ausgewertet. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Feinmotorik weit mehr ist als nur eine praktische Alltagskompetenz: Sie steht in engem Zusammenhang mit Lesen, Schreiben, Mathematik sowie verschiedenen kognitiven Fähigkeiten.

Sebastian Suggate erforscht seit vielen Jahren Lern- und Entwicklungsprozesse von Kindern, insbesondere die Bedeutung körperlicher Aktivitäten und motorischer Fähigkeiten für Bildung und Lernen.

Viktoria Karle beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Rolle von Motorik in der kindlichen Entwicklung und war maßgeblich an der Durchführung der beiden Metaanalysen beteiligt.

Heidrun Stöger zählt zu den renommiertesten Bildungsforscherinnen Deutschlands und untersucht unter anderem Lernprozesse, Begabungsförderung und die Bedingungen erfolgreichen Lernens.

Im Interview erläutern die drei Forschenden, wie sie die umfangreichen Daten ausgewertet haben, welche Unterschiede zwischen Fein- und Grobmotorik bestehen und welche Konsequenzen sich daraus für Kitas, Schulen und Familien ergeben.

Wie sind Sie in Ihren Metaanalysen vorgegangen? 

Viktoria Karle:

Wir haben in den letzten Jahren einen Zuwachs an Studien zur Untersuchung der Motorik in Zusammenhang mit akademischen und kognitiven Fähigkeiten bemerkt, wobei das Feld bisher recht unübersichtlich gestaltet ist. Aus diesem Grund wollten wir eine aussagekräftige Übersicht bieten. 

Heidrun Stöger:

Dafür haben wir zwei aufeinander aufbauende Metaanalysen durchgeführt. Für die erste Studie haben wir die Forschung zu den Zusammenhängen zwischen feinmotorischen Fähigkeiten und schulischen beziehungsweise kognitiven Fähigkeiten möglichst umfassend zusammengetragen. Dafür durchsuchten wir mehrere große medizinische, psychologische und erziehungswissenschaftliche Datenbanken. Von zunächst mehr als 21.000 Treffern erfüllten schließlich 118 Studien mit 143 Stichproben unsere Kriterien. Insgesamt gingen 1.110 Zusammenhänge von fast 80.000 Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 16 Jahren in die Analysen ein.

Uns war wichtig, Feinmotorik nicht als einheitliche Fähigkeit zu behandeln. Wir unterschieden beispielsweise zwischen Finger-Hand-Geschicklichkeit, Bewegungsgeschwindigkeit, Fingerwahrnehmung und graphomotorischen Fähigkeiten, also dem Umgang mit Stift und Papier. Ebenso differenzierten wir auf der Seite der schulischen und kognitiven Fähigkeiten zwischen Lesen, Schreiben, Mathematik, Intelligenz, exekutiven Funktionen und Wortschatz.

In der zweiten Metaanalyse wollten wir gezielt klären, ob feinmotorische Fähigkeiten tatsächlich enger mit schulischen und kognitiven Leistungen zusammenhängen als grobmotorische Fähigkeiten. Deshalb nahmen wir nur Studien auf, in denen bei denselben Kindern sowohl die Fein- als auch die Grobmotorik untersucht worden waren. Dadurch lassen sich beide Bereiche wesentlich fairer vergleichen, weil Unterschiede zwischen Stichproben oder Untersuchungsmethoden nicht mit Unterschieden zwischen Fein- und Grobmotorik verwechselt werden. Diese Analyse umfasste 59 Studien, 856 einzelne Zusammenhänge und mehr als 40.000 Kinder und Jugendliche.

Für beide Studien verwendeten wir mehrstufige metaanalytische Modelle. Sie berücksichtigen, dass aus einer Studie häufig mehrere Ergebnisse stammen und diese nicht unabhängig voneinander sind. Zudem prüften wir, ob Merkmale wie Alter, Geschlecht, Publikationsjahr oder die Qualität der Messverfahren die Ergebnisse beeinflussen. Das Vorgehen und die Auswahl der Studien wurden nach etablierten Standards dokumentiert; die Übereinstimmung zwischen den Personen, die die Studien sichteten und kodierten, war sehr hoch.

Was ist das wichtigste Ergebnis der Studien? 

Heidrun Stöger:

Das wichtigste Ergebnis ist aus meiner Sicht, dass motorische Fähigkeiten für die schulische und kognitive Entwicklung keineswegs nur eine nebensächliche Rolle spielen. In der ersten Metaanalyse fanden wir einen substanziellen Zusammenhang zwischen Feinmotorik und schulischen beziehungsweise kognitiven Fähigkeiten. Besonders deutlich waren die Zusammenhänge beim Schreiben und in der Mathematik. Unter den verschiedenen feinmotorischen Bereichen zeigten graphomotorische Fähigkeiten, also Fähigkeiten, die etwa beim Zeichnen und Schreiben mit der Hand benötigt werden, die stärksten Zusammenhänge.

Bemerkenswert ist außerdem, dass diese Beziehungen nicht nur bei sehr jungen Kindern bestanden. Sie ließen sich über die gesamte untersuchte Altersspanne von drei bis 16 Jahren beobachten. Das spricht gegen die Annahme, Feinmotorik sei lediglich in der Vorschulzeit von Bedeutung und verliere danach ihre Relevanz.

Die zweite Metaanalyse zeigte, dass feinmotorische Fähigkeiten insgesamt deutlich stärker mit schulischen und kognitiven Leistungen zusammenhingen als grobmotorische Fähigkeiten. Besonders ausgeprägt war der Unterschied beim Lesen, Schreiben, in der Mathematik und bei allgemeinen Schulleistungen. Bei Sprache und exekutiven Funktionen lagen Fein- und Grobmotorik dagegen näher beieinander.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Grobmotorik unwichtig wäre. Sie hängt ebenfalls mit kognitiven Fähigkeiten zusammen. Für schulische Tätigkeiten scheint die Feinmotorik jedoch eine besonders wichtige Bedeutung zu haben. Kinder müssen schreiben, zeichnen, Materialien handhaben, geometrische Formen konstruieren oder mit konkreten Objekten rechnen. Viele Lernhandlungen stellen daher feinmotorische Anforderungen.

Wichtig ist die Einschränkung, dass es sich überwiegend um korrelative Studien handelt. Wir können aus den Metaanalysen allein nicht schließen, dass bessere motorische Fähigkeiten automatisch bessere Schulleistungen verursachen. Die Größe und Differenziertheit der gefundenen Zusammenhänge spricht jedoch dafür, die Motorik in Bildungsforschung und pädagogischer Praxis stärker zu berücksichtigen.

Welche Zusammenhänge gab es zwischen Feinmotorik und schulischen Leistungen? 

Sebastian Suggate:

Im Allgemeinen waren die Zusammenhänge zwischen Feinmotorik und Schreiben am stärksten, was nicht überrascht, da das Schreiben eine gute motorische Kontrolle der Hand erfordert. Wir stellten jedoch darüber hinaus fest, dass die Feinmotorik ähnlich starke Zusammenhänge mit Mathematik und allgemeinen schulischen Fähigkeiten aufwies, sowie leicht geringere, aber dennoch signifikante, Zusammenhänge mit verschiedenen Teilbereichen der Leseentwicklung (z.B. phonologische Bewusstheit, Leseflüssigkeit, Leseverständnis). Die Feinmotorik zeigte zudem mäßige bis starke Zusammenhänge mit Intelligenz und Sprache. Somit gibt es überzeugende Belege dafür, dass Kinder mit besserer Feinmotorik im Schnitt bessere schulische Leistungen erzielten.

Welche Rolle spielt die Grobmotorik für die akademische und kognitive Entwicklung? 

Viktoria Karle:

Obwohl die Grobmotorik im Vergleich zur Feinmotorik in allen akademisch-kognitiven Bereichen schwächere Zusammenhänge aufweist, konnten auch für die grobmotorischen Fähigkeiten bedeutsame Zusammenhänge nachgewiesen werden – insbesondere in den Bereichen Sprache und exekutive Funktionen. Diese Ergebnisse gilt es nun auch in Experimenten oder Längsschnittstudien zu überprüfen, da unsere Ergebnisse zwar wertvolle Hinweise zu den Zusammenhängen geben, jedoch viele weitere interessante Annahmen zur Kausalität nicht beantworten können.

Wie wurde Motorik quantifiziert bzw. schulische Leistungen und kognitive Entwicklung bewertet? 

Viktoria Karle:

Die meisten Studien verwendeten standardisierte Tests zur Erfassung motorischer Fähigkeiten. Zur Erhebung der schulischen Leistung wurden teilweise auch Schulnoten herangezogen. Im kognitiven Bereich kamen vorwiegend bekannte Testverfahren zum Einsatz. Zusätzlich gab es aber auch von den Autoren selbsterstellte Testverfahren. Insgesamt zeigte sich, dass sehr viele verschiedene Testverfahren verwendet wurden, was in Folge die Vergleichbarkeit der Studien untereinander einschränkt. Wir haben uns daher die Testverfahren genau angesehen und konsistent unseren Subfacetten von Fein- und Grobmotorik sowie den akademischen und kognitiven Fähigkeiten zugeordnet, um das Bild zu vereinheitlichen. Dennoch bleibt natürlich Heterogenität durch die unterschiedlichen Messinstrumente bestehen, weshalb wir in einer eigenen Folgestudie jetzt versucht haben, vergleichbare Tests für Feinmotorik und Grobmotorik zu erstellen. Unser Ziel ist dabei, möglichst viele Testparameter gleich zu halten und nur den Bearbeitungsmodus der Aufgabe – also ob diese feinmotorisch oder grobmotorisch ausgeführt wird – zu verändern. Dadurch wollen wir die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erhöhen, um zukünftig genauere Aussagen treffen zu können.

Wie lassen sich die gefundenen Zusammenhänge erklären?

Heidrun Stöger:

Wahrscheinlich greifen mehrere Mechanismen ineinander. Erstens erleichtert eine gut entwickelte Feinmotorik den Zugang zu vielen Lernhandlungen. Wer einen Stift sicher führt und flüssig schreibt, muss weniger Aufmerksamkeit auf die Bewegungsausführung richten. Dadurch bleiben mehr kognitive Ressourcen für den eigentlichen Inhalt, die Rechtschreibung oder die Formulierung von Gedanken. Feinmotorische Fähigkeiten ermöglichen darüber hinaus die aktive Nutzung vieler Lernmaterialien – etwa beim Zeichnen, Messen, Sortieren, Experimentieren oder Konstruieren.

Zweitens könnten feinmotorische und schulische Leistungen teilweise auf gemeinsamen Prozessen beruhen. Anspruchsvolle Bewegungen erfordern Aufmerksamkeit, Planung, Arbeitsgedächtnis, Selbstkontrolle und die fortlaufende Überprüfung der eigenen Handlung. Diese Fähigkeiten werden auch beim Lesen, Schreiben, Rechnen und Problemlösen benötigt. 

Eine weitere, damit verbundene Erklärung bieten Ansätze der verkörperten Kognition. Ihnen zufolge entsteht Wissen auch durch die körperliche Auseinandersetzung mit der Umwelt. Wenn Kinder einen Buchstaben mit der Hand schreiben, verknüpfen sie seine visuelle Form mit einer bestimmten Bewegung. Beim Zählen mit den Fingern können Zahlen und Mengen durch konkrete Handlungen repräsentiert werden. Auch das Greifen, Sortieren und Konstruieren kann dazu beitragen, mentale Vorstellungen aufzubauen und zu festigen.

Experimentelle Studien von unserer Arbeitsgruppe liefern Hinweise darauf, dass solche Zusammenhänge nicht ausschließlich auf allgemeinen Entwicklungsunterschieden beruhen. Sie zeigen beispielsweise, dass das Schreiben mit der Hand das Lesenlernen unterstützen kann. Gleichzeitig hängt der Nutzen des Handschreibens von den feinmotorischen Voraussetzungen eines Kindes ab: Werden die motorischen Anforderungen zu hoch, binden sie Aufmerksamkeit und können das Lernen erschweren. In einer solchen Situation kann das Tippen eine sinnvolle Entlastung darstellen.

Pädagogisch geht es deshalb nicht um ein pauschales „Handschrift statt Tastatur“. Entscheidend ist vielmehr eine gute Passung zwischen dem Lernziel, der Aufgabe und den Fähigkeiten des Kindes. Kinder sollten vielfältige Gelegenheiten erhalten, ihre Fein- und Grobmotorik zu entwickeln und Wissen handelnd zu erwerben. Gleichzeitig dürfen motorische Schwierigkeiten den Zugang zu Lerninhalten nicht behindern. Motorik ist somit nicht nur eine Voraussetzung für schulisches Lernen, sondern kann – abhängig von der konkreten Aufgabe – auch ein Bestandteil des Lernprozesses sein.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Kitas, Schulen und Eltern?

Sebastian Suggate:

Bei der Übertragung von Forschungsergebnissen aus kontrollierten wissenschaftlichen Kontexten in die pädagogische Praxis ist Vorsicht geboten und es besteht zweifellos weiterer Forschungsbedarf auf diesem Gebiet, gerade was die Praxis betrifft. Unsere Studie weist jedoch – in Verbindung mit anderen Untersuchungen – auf die anhaltende Bedeutung der Förderung der körperlichen Entwicklung von Kindern hin. Dazu gehört, sicherzustellen, dass Kinder ausreichend körperliche Aktivität und Bewegung erhalten. Im Hinblick auf unsere Arbeit erscheint es jedoch besonders wichtig, dass Erzieher und Erzieherinnen und Eltern Aktivitäten anbieten, die die Hände einbeziehen und diese, auch in Verbindung mit dem Verstand, trainieren. Dies kann und sollte viele Formen annehmen, darunter: Zeichnen, Malen, Basteln, Schreiben, Spielen mit kleinen Gegenständen, Konstruktionsspiele, sowie bei einfachen Alltagsroutinen wie das Helfen bei der Zubereitung des Abendessens, das Binden von Schnürsenkeln … alles, was eine konzentrierte Koordination zwischen Körper, Hand und Verstand erfordert. 

Kontakt

Prof. Dr. Heidrun Stöger
Lehrstuhl für Schulpädagogik - Schulforschung, Schulentwicklung und Evaluation
Universität Regensburg
Tel.  0049 (0) 941 943 1700
E-Mail.  heidrun.stoeger​@​ur.de

Diesen Artikel teilen:

Comments

No Comments

Write comment

* These fields are required