Inklusion und Teilhabe stellen, besonders in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung, hohe Anforderungen an pädagogisches Handeln. Gefragt sind neben Fachwissen vor allem eine professionelle Haltung, Reflexionsfähigkeit und die Kompetenz, Theorie als Grundlage verantwortungsvoller Praxis zu nutzen.
An der Universität Regensburg wird dieser Anspruch im Curriculum des Studiengangs Pädagogik bei geistiger Behinderung konsequent umgesetzt. 

Das Studium verbindet Theorie, Forschung und Praxis eng miteinander und rückt reflexives, beziehungsorientiertes Handeln in den Mittelpunkt. Für diesen innovativen Ansatz wurde das Curriculum mit dem Lehrinnovationspreis 2025 ausgezeichnet.

Wie dieses Verständnis moderner Pädagogik auch über die universitäre Lehrkräftebildung hinaus wirkt, zeigt das Engagement von Prof. Dr. Wolfgang Dworschak in der wissenschaftlichen Begleitung des Start-ups Diingu, einer digitalen Lernplattform für soziale Berufe

Im folgenden Interview spricht der Wissenschaftler über Lehrkräftebildung, pädagogische Professionalität und die Frage, wie wissenschaftlich fundiertes Wissen im Alltag sozialer Arbeit wirksam werden kann.

Was braucht moderne Lehrkräftebildung, Herr Professor Dworschak?

Moderne Lehrkräftebildung sollte meiner Meinung nach auf drei Säulen stehen. Da ist zum einen die Fachorientierung, damit meine ich die wissenschaftliche Fundierung durch die jeweiligen Fächer. In der Pädagogik bei geistiger Behinderung gliedert sich das Fach grob in Pädagogik - einschließlich ethischer Fragen nach Menschenbild und sonderpädagogischer Haltung -, Didaktik - auf der Grundlage eines Bildungsverständnisses, das Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung adäquat berücksichtigt -, und Psychologie - einschließlich Diagnostik.

Die Fachorientierung ist grundlegend und stellt das Zentrum dar. Sie sollte gerahmt sein von einer konsequenten Berufsfeld- und Forschungsorientierung. Die konsequente Berufsfeldorientierung benötigen wir, um den Gap zwischen Theorie und Praxis bestmöglich zu überbrücken. Dies versuchen wir eigentlich in allen Lehrveranstaltungen, indem wir auch bei stark theoretisch orientierten Fragestellungen versuchen, deutlich zu machen, welche Bedeutung diese Aspekte in der Praxis haben. In speziellen Theorie-Praxis-Seminaren steht die Berufsfeldorientierung auch ganz gezielt im Mittelpunkt, wenn wir beispielweise videographierte Unterrichtsversuche im Seminar analysieren und reflektieren.

Als zweite Rahmung halte ich eine konsequente Forschungsorientierung für grundlegend, wohlwissend dass die meisten Studierenden später in der Schule und nicht als Wissenschaftler:innen arbeiten möchten. Bei der Forschungsorientierung ist es unser Ziel, dass Studierende empirische Forschungsbefunde kritisch rezipieren, insgesamt also verantwortlich mit Forschungsbefunden umgehen können. Die Forschungsorientierung zieht sich ebenfalls über mehrere Semester im Studium, beginnend mit der Einführung in wissenschaftliches Arbeiten und Forschungsmethoden. Eine besondere Berücksichtigung erfährt das Thema dann auf dem Weg zur Zulassungsarbeit, den wir über ein zweisemestriges Lehrangebot im Kontext Forschenden Lernens begleiten.

Wie verzahnen Sie Theorie und Praxis in der Lehre?

Wie schon angesprochen, bemühen wir uns in jeder Lehrveranstaltung und bei allen thematischen Aspekten die Bedeutung für die Praxis anhand von Beispielen oder Fällen aufzuzeigen. Hier ist die Sonderpädagogik, wie die Pädagogik allgemein, ein dankbares Feld, sind für mich doch Erziehungs- und Bildungspraxis der Ausgangs- und Bezugspunkt der Pädagogik bei geistiger Behinderung als Wissenschaft.

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Begleitung der sonderpädagogischen Praktika ein. In einem zweisemestrigen Praktikum, in der Regel im 5. und 6. Fachsemester, verknüpfen die Studierenden ihr bisher erarbeitetes Wissen mit der Praxis und erproben ihre bisher erworbenen Kompetenzen in der Klasse. Diese Praktika begleiten wir intensiv. 

Die Studierenden gestalten erste Unterrichtsversuche und werden bei der Durchführung von einer Dozentin besucht. Die Unterrichtsstunde wird videographiert und gemeinsam nachbesprochen. Zudem werden alle Unterrichtsversuche in einem speziellen Theorie-Praxis-Seminar anhand der Videoaufnahmen analysiert und reflektiert. Und: Bevor hier Missverständnisse aufkommen – das Ganze zielt nicht auf ein vorgezogenes Referendariat. Es geht uns neben der didaktischen Planung und Gestaltung vor allem darum, wie es den Studierenden vor der Klasse geht, wie sie die Interaktionen mit den Schülerinnen und Schülern erleben.

 

Wie reagieren Ihre Studierenden auf Ihre Lehransätze?

Diese Frage sollten Sie wohl besser den Studierenden stellen. Aber ich kann gerne versuchen, meinen Eindruck kurz zu schildern. In meiner Wahrnehmung gelingt es uns mal besser, mal schlechter den Studierenden die Bedeutung der drei Säulen deutlich zu machen bzw. sie dafür zu begeistern. In ausgeprägten Theorieseminaren, in denen zum Beispiel die Grundbegriffe des Faches geklärt und diskutiert werden, lese ich in den Lehrveranstaltungsevaluationen schon vereinzelt, dass die Begriffsarbeit dröge und praxisfern sei. In den Theorie-Praxis-Seminaren, zum Beispiel zur Begleitung der sonderpädagogischen Praktika, erhalten wir durchweg positive Rückmeldungen; hier liegt die Praxisorientierung – die von den Studierenden am stärksten eingefordert wird – ja auch deutlich auf der Hand.

Aber auch mit den Seminaren zum Forschenden Lernen machen wir sehr gute Erfahrungen. Dort legen die Studierenden die Modulprüfung im Rahmen einer Posterpräsentation ab. Die Studierenden erarbeiten in den Seminaren Inhalte thematischer Forschungsprozesse in Form wissenschaftlicher Poster und präsentieren diese. Dadurch profitieren sie nicht nur von der eigenen intensiven Auseinandersetzung mit der Literatur und der Zusammenfassung wissenschaftlicher Publikationen, sondern erwerben zugleich die Kompetenz, wissenschaftliche Inhalte präzise aufzubereiten und einem breiteren Publikum verständlich zu vermitteln. Gleichzeitig gewinnen die Kommilitoninnen und Kommilitonen Einblick in die Ergebnisse der anderen Seminarteilnehmenden und profitieren vom gegenseitigen Wissenstransfer.

Sie haben die Gründung des Start-up-Unternehmens Diingu, eine Lernplattform für  soziale Berufe, wissenschaftlich und als Mentor begleitet. Welches pädagogische Know-how benötigen Beschäftigte sozialer Einrichtungen, das durch diese App vermittelt werden kann?

In der Gründungsphase hat sich das Start-up voll und ganz auf die Schulbegleitung konzentriert. Dieses Arbeitsfeld ist noch recht jung, so gab es Anfang der 2000er Jahre nur sehr vereinzelt Schulbegleitungen in Bayern. Mittlerweile dürften es knapp 10.000 sein. Über diese junge Geschichte erklärt es sich zum Teil, dass die Maßnahme der Schulbegleitung bisher ein wenig formalisiertes und zumeist wenig qualifiziertes Handlungsfeld ist. In der Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung arbeiten überwiegend nicht qualifizierte Personen. Diese Tatsache erschwert eine adäquate Begleitung erheblich. 

Diesem Problem tritt das Tech Start-up Diingu durch die Entwicklung ihrer Softwarelösung zur Unterstützung von Schulbegleitungen entgegen und mittlerweile wurde der Fokus auf weitere soziale Berufe ausgeweitet. Bei der Frage zum pädagogischen Know-how beziehe ich mich ausschließlich auf die Schulbegleitung. Hier geht es einerseits um grundlegende Kenntnisse zu bestimmten Behinderungsformen oder auch klinischen Störungsbildern. Diese Kenntnis ist unerlässlich, um das Verhalten und den Unterstützungsbedarf der Kinder und Jugendlichen adäquat einschätzen und darauf reagieren zu können.

 

Des Weiteren benötigen Schulbegleitungen Einblick in formale Themen, wie Brandschutz oder Erste-Hilfe. Auch juristische Sachverhalte sind von hoher Bedeutung. So ist die Schulbegleitung als sozialrechtliche Maßnahme nämlich gar nicht Teil des Schulsystems, sondern kommt von extern zum System Schule hinzu. Dies wirft Fragen von Zuständigkeiten, Weisungsbefugnissen und vieles mehr auf. Daneben bietet die App Kurse zu weiteren pädagogischen Fragen, wie zum Beispiel Grundlagen der Kommunikation und Konfliktbewältigung oder dem Umgang mit Mobbing. Der große Vorteil einer solchen Lernplattform ist, dass sich die Schulbegleitungen ihr Lernangebot individuell im Hinblick auf „ihr“ begleitetes Kind und die damit anstehenden Themen zusammenstellen können und die Inhalte orts- und zeitunabhängig erarbeiten können.

Wir danken Verena Kappes, im Januar 2025 Hospitantin im Bereich Kommunikation und Marketing der Universität Regensburg, für die Redaktion dieses Interviews.

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