Teuflische und himmlische Gestalten

Sie sind von Kopf bis Fuß in zottige schwarz-braune Felle gehüllt, Ledergürtel mit riesigen Schellen halten die besondere Kluft zusammen. Wenn dann noch der riesige Fellkopf mit den Ziegenhörnern auf der Gestalt sitzt, wird manche zwei Meter groß. Solange im Zottelkopf ein lachendes Gesicht zu sehen ist, wirkt alles noch ganz lustig. Wenn Paul die handgeschnitzte Holzmaske dann zuklappt und die zerfurchte Fratze den Auftritt übernimmt, verändert sich die Stimmung schlagartig. Der Krampus!
Kindheitserinnerungen kochen hoch, als die Krallenteufel aus Bad Mitterndorf in der Steiermark am 20. November 2025 durchs Obere Foyer des Zentralen Hörsaalgebäudes der Universität Regensburg toben. Sie schwingen lange Ruten, rumpeln aufs Publikum zu, ein kehliges „Brrrrrr“, Ketten klirren, Dutzende Schellen läuten. Peitschen knallen im Achtertakt, die Krampusse scheuchen die Neugierigen und Ängstlichen auseinander.
Glücklicherweise sieht der Heilige Nikolaus, den sie begleiten und dem sie den Weg freimachen, ganz versöhnlich aus. Der Jäger, der Bettler und der Pfarrer auch. Beim Tod gehen die Meinungen auseinander.
Das Bad Mitterndorfer Nikolospiel
Die Kostüme sind perfekt geschneidert, die Holzmasken handgeschnitzt. Das Bad Mitterndorfer Nikolospiel gehört in die Tradition christlicher Umzugs- und Stubenspiele der Alpenländer.
Alljährlich sind die Vereinsmitglieder am Vorabend des Nikolaustages, am 5. Dezember, bei Anbruch der Dunkelheit in der 5000-Einwohner-Gemeinde Bad Mitterndorf unterwegs, spielen Szenen in den Stuben von Gasthäusern und auf Freilichtbühnen, toben durch die Straßen. In diesem Jahr waren an allen Standorten 20 Studierende der Kulturwissenschaft der Universität Regensburg dabei.
Die Exkursion ist Teil des Lehrprogramms am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft von Professor Dr. Daniel Drascek. Mit seinem Team forscht er zur identitäts- und ordnungsstiftenden Funktion von Bräuchen.
Unter Leitung von Wissenschaftlicher Assistentin Dr. Lena Möller und ihrer Kollegin Raffaela Kerscher M.A. reisten die Studierenden Anfang Dezember in die Steiermark, um das Bad Mitterndorfer Nikolospiel vor Ort zu erleben und ethnographisch zu untersuchen. Es gehört aufgrund seiner spektakulären Inszenierung und seiner hohen medialen Präsenz weit über Österreich hinaus zu den bekanntesten vorweihnachtlichen Bräuchen.
Geschenke für die Braven
„Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Spiel eignet sich hervorragend für die Vermittlung eines profunderen Verständnisses der kulturhistorischen Entwicklung vorweihnachtlicher Bräuche und die Herausbildung unseres modernen Weihnachtsfestes mit seiner Schenktradition“, erklärt Daniel Drascek, der die Nikologruppe im Foyer des Audimax begrüßte und gemeinsam mit dem Mitterndorfer Vereinsgruppenleiter Martin Rainer die zum Besten gegebenen Szenen erläuterte.
Das Schenken geht laut Kulturwissenschaftler Drascek auf den europäischen Hyperhagios (Überheiligen) Sankt Nikolaus zurück, dessen Verehrung als Patron von Schülern und Studierenden dazu führte, dass sich im späten Mittelalter die Brauchpraxis herausbildete, die guten Kinder zu belohnen und die schlechten zu bestrafen. „Die Ablehnung der Heiligenverehrung im Protestantismus führte jedoch dazu, dass die Bescherung durch den Nikolaus seit dem 18./19. Jahrhundert zunehmend vom Christkind übernommen worden ist“, erklärt Drascek.
In einigen europäischen Ländern blieb der Nikolaustag jedoch bis heute der primäre Beschertermin, so wie es auch in der Oberpfalz bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein üblich war. So werden auch in Bad Mitterndorf zunächst die Kinder durch den „Pfarrer“ examiniert und durch die Begleiter des Sankt Nikolaus entsprechend belohnt.
Vergleichende Feldstudien
Im Rahmen ihrer Exkursion besuchten die Regensburger Studierenden am 5. Dezember das Nikolospiel in Bad Mitterndorf an fünf verschiedenen Aufführungsorten und führten dabei Feldforschungstagebuch. Davor besuchten sie die heimatkundliche Sammlung Strick im Ort, in der neben vielen Zeugnissen des ländlichen Alltagslebens auch die handgeschnitzten Masken des Vereins verwahrt und präsentiert werden.
Am 6. Dezember gab es einen Ausflug zum Öblarner Krampusspiel, das bereits seit 2014 zum österreichischen Immateriellen Kulturerbe gehört und in seiner Struktur und den auftretenden Figuren sowohl Ähnlichkeiten als auch markante Unterschiede zum Bad Mitterndorfer Nikolospiel aufweist.
Außerdem besuchten die Studierenden mit Lena Möller das Nikolomuseum mit zugehöriger Werkstatt im Gasthaus Thomahof in Tauplitz und das Landschaftsmuseum in Schloss Trautenfels, wo die Leiterin der Abteilung Schloss Trautenfels, Mag. Katharina Krenn, sie durch die Ausstellungsbereiche führte.
Von Reue und Vergebung
Besonders spannend im Nikolospiel: Die Bettlerbeichte. Das Publikum im Steinernen Meer neben dem Audimax wächst. Pfarrer und Bettler betreten die Bühne, setzen sich zum Gespräch. Der alte Bettler möchte vor seinem Ableben noch die Beichte ablegen. Er ist aber selbst auf mehrfache Aufforderung des Pfarrers nicht bereit, seine Übeltaten zu bereuen. So tritt der Tod von hinten an ihn heran und streckt den Sturen mit einer Sense nieder. Die Krallenteufel springen nach vorne, schleifen ihn aus der Stube. „Spielerisch wird dadurch die gegenreformatorische Lehre vermittelt, dass nur durch eine wahre Reue die Vergebung von Sünden mittels Beichte möglich ist“, erläutert Kulturwissenschaftler Drascek.
In der nächsten Szene toben die höllischen Akteure zurück in den Mittelpunkt. In dieser Szene berichtet der Eheteufel dem Publikum, wie er sich freut, wenn Mann oder Frau fremdgehen. Warum? Es sei ein sicheres Mittel, um in die Hölle zu gelangen. Das ruft Höllenfürst Luzifer höchstpersönlich auf den Plan, der inbrünstig für sündhaftes Handeln wirbt. Es braucht Nachschub in der Hölle!
Das Kettengerassel der beiden kleineren Teufel, die den Wütenden nur mit Mühe bändigen können, schwillt an, der Höllenfürst reißt an den Ketten, die beiden, die ihn zurückhalten sollen, klammern sich mit aller Kraft an die Ketten, um ihn zu stoppen. Es scheppert mächtig, das Gebäude hallt, das „Brrrr“ wird lauter, das weiterhin anwachsende Publikum leiser.
Auf Luzifers Kommando stürzen daraufhin im Nikolospiel mehr als ein Dutzend wilde Teufel in die Stube und fallen über die Zuschauer her, um diese sehr eindrücklich die Hölle spüren zu lassen. Die Studierenden haben Glück. Hier in Regensburg meinen sie es einigermaßen gut mit ihnen.
Luzie, Specht, der Thamma mit’n Hamma
Daniel Drascek und Lena Möller verweisen darauf, dass sich das Bad Mitterndorfer Nikolospiel, das in Variation bis zur Aufklärung in weiten Teilen des Alpenraumes mit nachweislich über 150 Spielorten verbreitet war, eindrucksvoll in eine Reihe vorweihnachtlicher Bräuche einreiht, die in der Adventszeit der Hinführung auf die Geburt Christi dienen.
Dazu gehören auch die in der Oberpfalz bis in das 20. Jahrhundert hinein bekannten Auftritte der blutigen Luzie, der Specht oder des „Thamma mit`n Hamma“, der den unartigen Kindern droht, mit seinem Hammer das Gehirn einzuschlagen. Solche mittlerweile zweifellos als unpädagogisch empfundenen Bräuche seien aber weitestgehend verschwunden, berichtet Daniel Drascek.
Denn Bräuche unterliegen, gerade auch durch interkulturelle Kontakte, einem laufenden kulturellen Wertewandel. „Gingen Theoretiker des späten 20. Jahrhunderts noch davon aus, dass wir auf eine posttraditionale Gesellschaft zusteuern, so belegen empirische Untersuchungen, dass Bräuchen im Zuge globalisierender Prozesse eine hohe Bedeutung zukommt“, sagt der Kulturwissenschaftler.
Immaterielles Kulturerbe
Das Bad Mitterndorfer Nikolospiel wurde 2020 in das österreichische Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen, erzählt Early-Career-Wissenschaftlerin Lena Möller. Ideengeschichtlich von der Gegenreformation geprägt und seit Mitte des 19. Jahrhunderts als eines von vielen Nikolospielen in der steierischen Alpenregion etabliert, „begegnet uns eine eindrucksvolle kulturelle Praxis, deren ethnographische Untersuchung spannende Aufschlüsse über die identitäts- und ordnungsstiftenden Funktionen von Bräuchen verspricht“.
Die Kulturwissenschaft nimmt diese als soziale und kulturell tradierte Praxen in den Blick, die keinesfalls starr und unveränderlich sind, sondern einem stetigen Wandel unterliegen und uns nicht zuletzt viel über gesellschaftliche Bedürfnislagen in ihren jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontexten verraten.
Ziel der Ein- und Mehrtagesexkursionen für die Studierenden ist es, erlernte theoretische Grundlagen und Methoden (wie Interviewführung oder teilnehmende Beobachtungen) anhand eines exemplarischen Forschungsfeldes und -themas in der Praxis einzuüben. „Als Fach, das sich dem Alltagsleben widmet, wollen wir natürlich Menschen in ihren Lebensalltagen direkt begegnen“, sagt Möller.
Und wieso kamen die steirischen Krampusse eigentlich an die Universität Regensburg?
Sie waren so begeistert vom Regensburger Interesse an ihrem Brauch, dass sie sich spontan dazu entschieden, ihre diesjährige Vereinsfahrt an die Uni zu machen, die großartigen Kostüme im Gepäck. Ein besonderes ist das der Schab: Die geheimnisvolle Figur trägt ein Gewand und eine Maske aus handgetrocknetem Stroh. Zum Anlegen der vielen Rockschichten aus Stroh benötigt der Darsteller die Hilfe mehrerer Personen. Auch das wird dem Publikum vorgeführt.
Übrigens: Krampusse sind Krallenteufel. Keine Perchten, an die wir spontan dachten. Kulturwissenschaftler Drascek erläutert, dass die seit dem Spätmittelalter im Alpenraum belegten Perchten als sagenhafte Gestalten noch einmal andere Überlieferungszusammenhänge haben: „Sie zogen und ziehen in den zwölf Nächten zwischen der Menschwerdung Jesu Christi am 25. Dezember und dem Fest der Epiphanie am 6. Januar durch viele Dörfer und hatten dabei weder mit Winteraustreiben noch mit einem Fruchtbarkeitsritual zum neuen Jahr zu tun.“
Vielleicht nutzen Sie die Winterpause für einen schönen Spaziergang über den Campus. Wer weiß, wer Ihnen da so begegnet.
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Zum Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft , Prof. Dr. Daniel Drascek und Dr. Lena Möller
Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften
Zum Bad Mitterndorfer Nikolospiel
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