Frida, Che und Pablo

Der stechende Blick, die schwarzen Augenbrauen, die mit bunten Blumen verzierte Flechtfrisur – Frida Kahlo hielt sich gerne selbst im Bild fest. Eines ihrer 55 Selbstportraits wurde bei einer Auktion in New York 2025 für 54,7 Millionen US-Dollar verkauft.
Wer sich das nicht leisten kann, bekommt ihr Konterfei auf Ohrringen, Taschen oder Schlüsselanhängern.
Frida Kahlo ist eine Medienikone. Ihr Wiedererkennungswert ist ähnlich beeindruckend wie der des Argentiniers Che Guevara, der Kuba die Revolution brachte. Das berühmte Porträt des Comandante von Alberto Korda aus dem Jahr 1960 verwandelte der irische Künstler Jim Fitzpatrick nach Guevaras Tod 1968 in das heute weltweit bekannte rot-schwarze Poster.
Die Malerin und der Revolutionär wurden unzählige Male reproduziert und zirkulieren weltweit, losgelöst von ihrem Entstehungskontext. Nicht zuletzt im Internet.
Medienikonen Lateinamerikas
Frida Kahlo und Che Guevara sind zu Medienikonen Lateinamerikas geworden.
- Wie kam es dazu?
- Welche Medien verbreiten sie und wie?
- Wie werden diese Persönlichkeiten heute rezipiert?
- Wie haben sich die Diskurse um sie verändert?
- In welchen neuen Kontexten finden wir sie?
- Inwiefern sind sie losgelöst von historischen Tatsachen?
Mit diesen und weiteren Fragen zu unterschiedlichen medienikonischen Typen setzten sich Masterstudierende eines gleichnamigen Projektseminars der Spanischen Literatur- und Kulturwissenschaft unter der Leitung von Professorin Dr. Beatrice Schuchardt auseinander.
Medienikonen sind keine lateinamerikanische Besonderheit, sie sind kulturübergreifend zu finden. „Medienhistorisch betrachtet sind sie ein Phänomen, das ab dem späten 19. Jahrhundert beginnt und bis ins postdigitale Zeitalter reicht. Technische Erfindungen wie das Autotypie-Rasterdruckverfahren, das ab etwa 1880 den Abdruck farbiger Bilder in Zeitschriften ermöglichte, oder der Bildfunk, haben zu ihrer Entstehung und Verbreitung beigetragen“, erklärt Beatrice Schuchardt.
Ihre Erkenntnisse stellen die Studierenden bis zum 14. März 2026 auf Postern im Oberen Foyer der Universitätsbibliothek Regensburg vor. Daneben gibt es Vitrinen mit Frida- und Che-Artefakten. Schließlich lässt sich auch „die Erprobung der Kreativität der Teilnehmenden“ bewundern: Sie haben gezeichnet, Werbeanzeigen entworfen und Memes kreiert.
Bei der Vernissage am 26. Januar 2026 führte Beatrice Schuchardt das zahlreich erschienene Publikum in die verschiedenen Begriffe ein. Es gibt Ereignisikonen (wie die brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers), politische Ikonen (wie den mexikanischen Revolutionär Emiliano Zapata), Werbeikonen (wie Rosie the Riveter, die im Zweiten Weltkrieg in den USA für die Tätigkeit von Frauen in der Stahl- und Rüstungsindustrie warb) und nicht zuletzt Superikonen, die über einen langen Zeitraum hinweg populär sind. Ein Beispiel dafür ist Leonardo da Vincis Mona Lisa.
Wirkungskraft und kritische Wahrnehmung
Dr. André Schüller-Zwierlein, Direktor der Universitätsbibliothek Regensburg (UBR), verwies in seinem Grußwort auf die
„im Zentrum der Ausstellung stehenden Persönlichkeiten, deren Wirkungskraft vom Künstlerischen über das Persönliche bis zur globalen Popkultur reicht. Die Ausstellung zeigt, wie sie zu Ikonen transformiert werden. Ich halte es für sehr wichtig, dass dieses Thema zum Gegenstand studentischer Arbeiten gemacht wird – anstatt diese Tropen, Topoi und Ikonen einfach hinzunehmen.“
Dies ermögliche den Studierenden, die historischen Dimensionen dieser Phänomene zu erforschen und damit kritisch wahrzunehmen, dass sich die Verwendung dieser Ikonen im Laufe der Zeit gewandelt hat, dass sie für die verschiedensten Zwecke, strategischen Ziele und Ideologien eingesetzt wurden und werden.
„Diese historische und kulturwissenschaftliche Wahrnehmung ist von enormer Bedeutung für eine kritische und differenzierte Wahrnehmung unserer gemeinsamen Gegenwart,“ betonte Schüller-Zwierlein.
Kritikfähigkeit und Kreativität
In fünf Projektgruppen haben sich Schuchardts engagierte Studierende, „nun auf Theorieebene versiert und wunderbar kreativ“ im Wintersemester 2025/26 den Medienikonen angenähert.
In Kleingruppen von zwei Personen setzten sich die Studierenden mit einer lateinamerikanischen Medienikone ihrer Wahl in einem spezifischen Feld auseinander. Wichtig war Beatrice Schuchardt dabei die Schulung der Kritikfähigkeit der Studierenden und ihre Befähigung, die untersuchten Gegenstände einer kritischen Analyse zu unterziehen.
Simone Scheiderer, Daniel Stephan, Karen Lázaro Jiménez, María Delgado Maurer, Luisa Schulze, Lotta Strüwe und Clara de Oliveira Seyler zeigen in der UBR große bunte Plakate mit den Projektergebnissen und geben bei der Vernissage kurze Einblicke in ihre Schwerpunkte.
Das sind
- Che Guevara als Ikone der Pop-Kultur,
- Frida Kahlo als Werbeikone,
- Che Guevara als Werbeikone,
- Ikonen der Netzkultur, Memes (entstanden in einem gemeinsamen Workshop mit Dr. Hans Bouchard von der Universität Siegen)
- Pablo Escobar in Popkultur und Street-Art.
Das Projektseminar verbindet aktuelle Forschungen von Beatrice Schuchardt zu visuellen Kulturen Lateinamerikas mit ihrer Lehre. Den Studierenden ermöglichte es das forschende Lernen.
Vereinnahmung und Identifikation
Wie näherte man sich dem Thema? Nachdem die Studierenden zu Seminarbeginn unter anderem dokumentiert hatten, welche Frida-Kahlo-Merchandise-Artikel allein in der Regensburger Innenstadt käuflich zu erwerben sind, gingen sie gemeinsam mit ihrer Professorin den Ursachen für den „Kahlo-Hype” auf den Grund.
Sie stellen fest, wie vielfältig Frida Kahlo vereinnahmt wurde: durch den europäischen Surrealismus, den Feminismus der 1970-er, die globale Modeindustrie oder die Pop-Kultur. Zugleich steht sie für einen „Hype um Hybridität“, wie Schuchardt es nennt: „Kahlo hat indigene, deutsche und mexikanische Wurzeln. Diesen Hype haben Filme wie Julie Taymors Frida (USA 2002) und Disneys Coco (USA, 2017) ebenso befeuert wie das World Wide Web“, erklärt die Dozentin.
André Schüller-Zwierlein erinnert in seinem Grußwort auch an Kahlos gesundheitliche Beeinträchtigung, ihre „Leiden, die sie mit Offenheit zeigte – idealisierte Symbole körperlichen und seelischen Schmerzes, mit denen sich viele identifizieren“.
Zugleich „entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn die alkoholsüchtige Frida Kahlo als Werbeträgerin für eine Tequila-Marke herangezogen wird oder Parallelen zwischen dem Guerillero Guevara und Jesus gezogen werden“, sagt Schuchardt.
Beatrice Schuchardt verweist darauf, dass aus den Literatur- und Kulturwissenschaften „berechtigte Kritik“ am Begriff Lateinamerika kam, namentlich von Walter Mignolo: „Lateinamerika suggeriert ihm zufolge, dass das Lateinische eine bis in die Antike zurückreichende Geschichte auf dem südamerikanischen Subkontinent habe und unterstellt, dass dieser quasi 'schon immer' europäisch war.
Hispanoamerika hingegen verweist auf die Kolonisierung durch die Spanier und macht die (gewaltsame) Eroberung sichtbar. Für die Vernissage und Ausstellung haben wir uns für Lateinamerika entschieden, weil die meisten Menschen mehr mit dem Begriff anfangen können.“
Tacos und Tourismus
Der unermüdlich Verwertete, Che Guevara, ist Sinnbild der Revolution, Ikone der Popkultur und Werbeträger der Industrie. Mit Kubas Vorzeigekämpfer lässt sich vieles verkaufen: Ein studentisches Poster zeigt, wie die US-amerikanische Fast-Food-Kette Taco Bell mit ihm die „Burger Wars” gegen McDonald’s und Burger King führt oder wie der Autohersteller Dacia sein Produkt mit ihm bewirbt – als ein Auto, das sich alle leisten können.
Eine der Projektgruppen des Seminars befasste sich mit dem kolumbianischen Drogenbaron Pablo Escobar. Die Schwarz-Weiß-Fotografien auf den Postern der Studierenden zeigen, wie sich ein Verbrecher selbst als Volksheld inszeniert. Ikonen wie Escobar wirken medial nach: in der Netflix-Serie Narcos etwa oder in Kolumbiens Street-Art. Wer will, kann Escobars Spuren in Medellín auf touristischen Touren folgen.
Deutlich wird: Ikonisierungsprozesse sind auch problematisch. „Gewalt wird als Form des Spektakels genutzt“ oder verharmlost, halten die Studierenden fest. Opfer werden verdrängt. Die „Aufrechterhaltung des Bildes eines Drogenhändlers als Legende“ wirkt auf die Gesellschaft.
Ikonen, lehrt uns die Ausstellung, sollten wir künftig kritischer beäugen.
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