Unbelastet?

Der Blick auf Forschung und Forschende in der Zeit des Nationalsozialismus, die Analyse inhaltlicher und personeller Kontinuitäten in verschiedenen Disziplinen in der Nachkriegszeit ist ein vielschichtiges und kein leichtes Thema.
Masterstudierende des Elitestudiengangs Osteuropastudien der Universität Regensburg und der LMU München haben sich in den vergangenen beiden Semestern in einem Projektseminar der Vergangenheit ihres persönlichen Studienfachs gewidmet. Entstanden sind zwei Ausstellungen, die derzeit in Regensburg und München unter dem Titel „Unbelastet? Die Münchner Osteuropaforschung in Kriegs- und Nachkriegszeit“ zu sehen sind.
Eröffnung der Regensburger Ausstellung “Unbelastet?” zur Münchner Osteuropaforschung der Kriegs- und Nachkriegszeit. Fotos: UBR | Harald Kloth
Die Ausstellung „Unbelastet? Die Münchner Osteuropaforschung in der Kriegs- und Nachkriegszeit ist eine Produktion des 21. Jahrhunderts des Elitestudiengangs Osteuropastudien an der Universität Regensburg und der LMU München. Autorinnen und Autoren: Joseph Karl-Friedrich Brömel, Emma Sofie Harrs, Violeta Sofia Helling, Till Menzer, Vera Sofie Merz, Luka Oboladze, Jonas von Olberg, Ben Robinson Reis, Felix Semoff, Emine Melike Sezer, Philip Sirbescu, Josef Tabai.
Kursleitung und Redaktion: Prof. Dr. Marie-Janine Calic und Dr. Felix Jeschke
„Unsere Ausgangsfrage war“, so Studentin Vera Merz in ihren Erläuterungen bei der Regensburger Ausstellungseröffnung Ende Juli 2025, die ihr Kommilitone Till Menzer moderierte, „womit sich diese Forschenden überhaupt beschäftigt haben.
Wer waren diese Männer und Frauen? Wozu forschten sie? Worin ähnelten sich ihre Biografien? Wo fand Vernetzung statt?“
Die Studierenden interessierte, wo die Forschenden in die Vernichtungsideologie des Nationalsozialismus eingebunden waren, welche Kontinuitäten und Brüche sich in den Lebensläufen dieser Personen nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte.
Briefe, Fotografien, Bücher
Im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek Regensburg füllten die Studierenden zwölf schlichte Glas-Vitrinen mit Archivalien, konkret Briefen, Dokumenten, Fotografien, Büchern. Es gibt keine innovative Ausstellungspädagogik, keine interaktiven Schaltflächen, keine Kopfhörer, keine Avatare. Auf den ersten Blick sieht alles recht unaufgeregt aus. Es gibt nur was zu lesen.
Was man da liest, geht mit dem einher, was Bibliotheksdirektor Dr. André Schüller-Zwierlein bei der Eröffnung der Ausstellung sagt, als er einen Satz von Theodor Adorno aus dem Jahr 1951 zitiert: „Es gibt nichts Harmloses mehr.“ Die Wucht dieses Satzes, sagt Schüller-Zwierlein, „ist bis heute nicht ausbuchstabiert und verliert auch in einer Zeit nicht an Bedeutung, in der Lesekompetenzen und Lesepraktiken abnehmen und in der man sich fertig gepackte Wissensprodukte gerne von einer KI liefern lässt“.
Wer sich aber mit Faktenobjekten und modellierten Ordnungen begnüge, betont Schüller-Zwierlein, „lernt nicht die dunkle Unterseite des vermeintlich Harmlosen, des Unbelasteten zu lesen, den Linien der Macht, der Manipulation nachzuspüren, die sich in den überlieferten oder in den frisch vorgefertigten Diskursen verbergen“.
Unterstützt wurden die Studierenden vom Elitenetzwerk Bayern, dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv, dem Universitätsarchiv der LMU München und den Universitätsbibliotheken Regensburg und München.
Die Studierenden, die die Vitrinen der Ausstellungen konzipiert haben, stehen am Eröffnungsabend an jeder Ausstellungsstation bereit. Sie geben ergänzende Hinweise zu den Exponaten und den Personen, die sie in den Blick genommen haben, sie erzählen von ihren Recherchen, beantworten Fragen des mehrheitlich studentischen Publikums, stellen historische Zusammenhänge her.
Die erste Vitrine, ergänzt mit Stadtplänen und Landkarten, gibt Einblick in die Topographie der Osteuropaforschung: In den 1930er Jahren etablierte sich München als zentraler Standort der Osteuropaforschung, so gründete man unter anderem das Südostinstitut. Sein Erkenntnisinteresse: Die deutsche Kultur in Osteuropa.
In der Nachkriegszeit, 1952, kam das Osteuropa-Institut hinzu. Es verstand sich als Nachfolge-Institut des Breslauer Osteuropa-Instituts, das von 1918 bis 1945 existierte. 1956 gründete man das Collegium Carolinum, das sich hauptsächlich mit der Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern beschäftigt.
„Im Kalten Krieg besaß die Osteuropa-Expertise einen hohen strategischen Wert und wurde von der bayerischen und bundesdeutschen Politik stark gefördert“, heißt es in den Erläuterungen. Nach und nach erfahren die Betrachtenden, wie sich das gestaltete.
Zeitsprung: Die 2000er
2007 zogen das Institut für Ostrecht, das Osteuropa-Institut und das Südost-Institut von München nach Regensburg um. Sie gingen im Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa Regensburg (WiOS) auf.
Gerne verweise man „durchaus stolz“ auf diese lange Tradition der hier verorteten Osteuropaforschung, sagt der Wissenschaftliche Direktor des heutigen Leibniz Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS), Professor Dr. Ulf Brunnbauer, „nicht zuletzt, weil das auch bedeutet, Forschung betreiben zu können, die auf kumuliertem Wissen – und dieses Wissen manifestiert sich insbesondere auch in einer hervorragenden Bibliothek – aufbauen kann“.
Doch zugleich sei auch das IOS auf diesem Weg mit in der Verantwortung für die Vorgeschichte, die „alles andere als rühmlich war“, so Historiker Brunnbauer, auf Hans Koch und Fritz Valjavec verweisend.
So waren Koch, der erste Direktor des Osteuropa-Instituts, und Valjavec, der das Südostinstitut leitete, in der ‚Volkstumsforschung‘ aktiv. Sie legte die Grundlagen für zentrale Konzepte der nationalsozialistischen Ideologie.
Die Vitrinen zeigen Briefe und Dokumente, die aufzeigen, wie die Forschung zum Deutschtum dazu diente, Umsiedlungen rassenpolitisch vorzubereiten und durchzuführen.
Es ging nicht nur um Gleichschaltung. Es ging auch darum, „sich in Dienst zu bringen“.
Wir begegnen dem Slavisten Alois Schmaus, seit den 1920er Jahren als Publizist und Deutschlektor in Belgrad bestens vernetzt und Verfasser eines Standard-Lehrbuchs zur serbischen Sprache, das bis heute erhältlich ist. Er stellte sich 1940 in den Dienst der NS-Kulturaußenpolitik und widmete sich dem Ziel, die örtlichen Eliten in den ‚deutschen Kulturraum‘ einzugliedern.
Wir treffen auf den Byzantinisten Franz Dölger, Professor an der LMU, der 1941 im Rahmen der Besatzung Griechenlands die Leitung einer Expedition zur Mönchsrepublik Athos anführte. Wir erfahren, dass die Expedition mit dem Auftrag der Wehrmacht unterwegs war, die politischen Ansichten der griechisch-orthodoxen Kirche zur deutschen Besatzung auszuspähen.
Die Ausstellung zeigt den von der NSDAP 1943 finanzierten Bildband „Mönchsland Athos“, mit einem Portrait Adolf Hitlers. 1948 wird das Buch neu aufgelegt, dann ist nur noch vom „dankenswerten Entgegenkommen der Klöster“ die Rede. Franz Dölgers Forschungsleistung für die Erschließung der Klosterarchive von Athos wird bis heute gewürdigt.
Die Perspektive der Ausstellung auf die Akteure, auf Personen, auf ihre Handlungsmöglichkeiten zeigten, so Brunnbauer, dass es „nicht nur um Gleichschaltung“ ging, „es ging auch darum, sich selbst gleichzuschalten“. So war es nicht nur „eine Indienstnahme der Osteuropaforschung“, es geht auch um eine „proaktive Sich-in-Dienst-Bringung der Akteure“. Aus diesem Grund könne man diese Personen nicht von der Verantwortung für das, „was sie taten und schrieben oder nicht schrieben“ entlasten, sagt Brunnbauer.
Zu diesen Personen gehört beispielsweise der bereits erwähnte Hans Koch, geboren 1894 in Lemberg, studierter Theologe, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Königsberg, der zwischen 1938 und 1940 das Breslauer Osteuropa-Institut leitete – viele, die später in München forschten, waren auch dort aktiv.
Koch unterstütze die Wehrmacht als Verbindungsoffizier bei der Heeresgruppe Süd, ließ seine Mitarbeiter als „Sonderführer“ Sprachkenntnisse und Ortswissen liefern. Im Zweiten Weltkrieg verhandelte Koch mit der Organisation Ukrainischer Nationalisten, den Banderovci, hielt den Kontakt bis in die 1950er, wie eine Denkschrift zeigt. 1952 wurde er zum ersten Direktor des Osteuropa-Instituts in München.
Krieg, Karrieren, Kontinuität
Ein anderer ist Hans Raupach, 1903 in Prag geboren, in Schlesien aufgewachsen. Auch er studierte und arbeitete am Breslauer Institut. Während des Nationalsozialismus lehrte Raupach in Halle ‚Volks- und Auslandsdeutschtum‘, bis er im Zweiten Weltkrieg für den Militärgeheimdienst der Wehrmacht tätig wurde. In dieser Zeit hatte er Sabotageaktionen in der besetzten Ukraine zu verantworten, erzählt Vera Merz.
Sie berichtet weitere Details aus seiner Biografie: Raupachs wissenschaftliche Karriere wurde zu Kriegsende nur durch britische Gefangenschaft unterbrochen. Daraufhin zog er sich für kurze Zeit ins Private zurück und betätigte sich v. a. künstlerisch. Wenige Jahre nach Kriegsende kehrte er jedoch zurück in den akademischen Dienst, lehrte in Wilhelmshaven und an der LMU München, wo er ab 1962 Professor wurde. Auch Raupach leitete das Münchner Osteuropa-Institut.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit setzten viele der Experten sich für Kollegen ein, die wegen der Beteiligung an NS-Kriegsverbrechen angeklagt waren. So engagierte sich etwa Jurist und LMU-Professor Reinhart Maurach, Gründer des Instituts für Ostrecht, für den SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf, verantwortlich für die Ermordung Zehntausender Menschen.
Ein Bild vom Juli 1958 zeigt Maurach dann in München - bei der Enthüllung eines Mahnmals für die Widerstandsgruppe Weiße Rose.
Die vorletzte Vitrine nimmt Bezug auf den Kalten Krieg. Maurach, Raupach, Koch blieben viele weitere Jahre aktiv. Ihre Expertise zu Osteuropa blieb gefragt, Netzwerke blieben bestehen, man fand im „Kampf gegen den Kommunismus“ zusammen und war in Politikberatung und politischer Bildung der jungen Bundesrepublik aktiv.
Hans Kochs handgeschriebener Kalender mit Telefonnummern der hier im Text Genannten und weiterer ehemaliger Kollegen liegt in einer der Vitrinen. Ein Brief aus dem Auswärtigen Amt, in der man Hans Koch 1955 um seine Einschätzung bittet, wer sich als künftiger Botschafter in Moskau eigne.
Unbehelligt?
Wir lesen nach, wie Raupach in den 1970er Jahren zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, schließlich ihr Präsident wurde. Weitgehend unbehelligt von seiner NS-Vergangenheit verstarb er 1997, unweit des Starnberger Sees bei München. „Die sogenannte Stunde Null erlebten die Münchner Osteuropa-Forscher nach 1945 nicht“, sagt Vera Merz.
So unaufgeregt die Ausstellung daher kommt, so unaufgeregt weist sie darauf hin, wie fließend die Grenzen sind, wie selbstverständlich personelle Kontinuitäten sich ergaben. Aber auch, wie sie über die Jahrzehnte ignoriert wurden.
Vera Merz spricht von einer „Beständigkeit“, die exemplarisch für eine Zeit stehe, „in der wir aus heutiger Sicht fatalen Umgang mit der eigenen Vergangenheit auch in weiteren Räumen sehen – seien es Universitäten oder Politik und Gesellschaft“.
Das Forschungsfeld bleibe relevant, „wenn wir verstehen wollen, wie ein System wie der Nationalsozialismus funktionieren kann, wie eine Gesellschaft vollkommen vereinnahmt wird, und wie es zur absoluten Eskalation in der Shoa und im Zweiten Weltkrieg kommen kann“, sagt die Studierende.
Fazit
„Unbelastet?“ ist eine Ausstellung, die auf das Wesentliche reduziert ist: hinsichtlich ihrer Nachricht, hinsichtlich ihrer Exponate. Sie lohnt sich, auch für die, die nichts mit Osteuropaforschung zu tun haben.
Denn sie widmet sich zwar der Vergangenheit, zielt aber zugleich in die Zukunft, wie Gastgeber Schüller-Zwierlein bemerkt, „denn die Bedrohung des Wissenschaftsdiskurses ist permanent. Die Gleichschaltung des Wissenschaftsapparates in der NS-Zeit ist ein Lehrstück, wie eine politische Ideologie sich systematisch auf allen Ebenen der Gesellschaft durchdekliniert. Ein Lehrstück, dessen Widerhall wir durchgängig, bis in die heutige Zeit, wahrnehmen“.
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