Die Nutzbarmachung der Natur

Die Welt träumt von idealen Landschaften.
Sie sollen wirtschaftlich und technisch nutzbar sein oder den Tourismus und die Gesundheitsindustrie fördern, zugleich geht es um Artenschutz, Naturerhalt, Maßnahmen gegen den Klimawandel.
Flüsse spielen auf der langen Suche nach dem goldenen Mittelweg eine besondere Rolle – sie ignorieren Grenzen, verbinden Regionen und treten über ihre Ufer, wo die Menschen zu tief eingreifen. Und sie sind gnadenlos politisch: Wer ist in der Verantwortung für den Hochwasserschutz? Wer die erste politische Persönlichkeit vor Ort? Gewinnt der Green Deal? Oder doch der Ausbau von Wasserwegen für die Handelsschifffahrt?
Konflikte waren und sind dabei unausweichlich.
Die Umwelt- und Technikhistorikerin PD Dr. Luminita Gatejel von der Universität Regensburg untersucht gesellschaftliche, ökonomische, umweltpolitische Verteilungskämpfe an den südosteuropäischen Ufern der Donau.
Sie erzählt die Geschichte der rumänischen Auenlandschaften in der Moderne, und sie erzählt sie „von unten“: „Von unten“ heißt vor allem, dass die Geschichte auch aus der Perspektive der entlang der Donau lebenden Bevölkerung erzählt wird.
Die Historikerin blickt auf unterschiedliche soziale und professionelle Gruppen in diesen Landschaften und legt das Augenmerk darauf, wie sehr ihre jeweiligen Vorstellungen von Bedeutung und Nutzen der Natur divergieren und auseinanderdriften.
Historikerin PD Dr. Luminita Gatejel, Universität Regensburg.
Modernisierung des ländlichen Raums
Dabei geht es um die meist staatlich getragenen Modernisierungsprojekte im ländlichen Raum und ihre Nutzbarmachung. Die Vorstellungen darüber waren über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg höchst unterschiedlich. Die Nutzbarmachung der Natur, sie schützen und ausbeuten gehen Hand in Hand. Das Thema ist so neu wie alt, nicht zuletzt im Staatssozialismus, in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, war es ein großes.
„Seit seiner Gründung verfolgte der rumänische Staat im Hinblick auf die Donau eine Politik, die auf innere Kohärenz, Zentralisierung und Modernisierung ausgerichtet war“, erläutert Gatejel. „Die bessere Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen entlang von Flüssen und der potenzielle Landgewinn durch Trockenlegungen sollten sowohl größere Ernteerträge garantieren als auch zur Lösung der so genannten ‚Agrarfrage‘ beitragen“.
Konflikte und Umgestaltung
Die Analyse der lokal ausgetragenen Konflikte und wie sie ausgehen wird der Historikerin ermöglichen, ein Gesamtbild der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Umgestaltung von Gebieten wie Auenlandschaften zu zeichnen.
Prominente Beispiele analysierten bereits die Landgewinnungsprogramme in den Niederlanden, in Preußen, in Polesien als einem der größten Sumpfgebiete Europas oder in Großbritannien, wo die Trockenlegung der Fens, einer der bekanntesten Versuche eines frühneuzeitlichen Staates war, „durch eine soziale und ökologische Neuordnung das Machtgefüge innerhalb des Reiches zu Gunsten der Krone zu verschieben“.
Auffallend, so die Wissenschaftlerin, sei, „dass sowohl bürgerliche Demokratien als auch Diktaturen miteinander wetteiferten, die größten Landflächen mithilfe von hydraulischen Methoden trockenzulegen. Staatsbildungsprozesse, Praktiken des social engineering, Binnenkolonisation und das Streben nach Ernährungssicherheit trieben diese Programme voran.
Gatejels langer Untersuchungszeitraum zeigt auf, „dass viele der begonnenen Regulierungsprojekte erst im Staatssozialismus vollendet wurden“. Die Spezifik des rumänischen Fallbeispiels besteht in der Kontinuität der Regulierungspolitik, die von imperialen, nationalen und staatsozialistischen Regierungen weiterverfolgt wurde. Die Analyse dieser Kontinuität aus der Perspektive staatlicher Behörden bildet einen Schwerpunkt von Luminita Gatejels Forschung.
Flussauen als Ort des Austauschs
Luminita Gatejel richtet das Augenmerk auf die rumänische Erfahrung. Sie hilft ihr dabei, auch anderen Fällen von Modernisierungsbestrebungen und deren ökologischen und sozialen Folgen auf den Grund zu gehen, im europäischen und globalen Kontext. Gatejels Studie nutzt komparative und transfergeschichtliche Methoden, und sie will verdeutlichen, „wie eng der Prozess des nation building mit Programmen zur Naturbewältigung verbunden war“.
Die Wissenschaftlerin versteht den staatlichen Umgestaltungswillen als Ausgangspunkt eines tiefgreifenden und regimeüberdauernden Transformationsprozesses, der Ökosystemen entlang fließenden Gewässern neue Formen und Zwecke zuteilte und bis heute nicht abgeschlossen ist.
Ihr Ansatz kombiniert Umwelt- und Technikgeschichte. Sie untersucht Flussauen als Orte des Austausches, an denen verschiedene Akteurinnen und Akteure Macht, Wissen und Kompetenzen aushandelten und diesen Prozess landschaftlicher Transformation mitgestalteten.
„Damit geraten jene multiplen Faktoren in den Blick, welche die Resultate von technischen Regulierungsprojekten beeinflussten, wie etwa die agency von Objekten und von Naturelementen, verschiedene rechtliche und institutionelle Traditionen oder unterschiedlich stark ausgeprägte lokale Wissensbestände“, erläutert Gatejel. Diese Betrachtungsweise korrigiere sowohl die Auffassung, Bürgermeister und Lokalpolitikerinnen stellten sich immer gegen zentrale Eingriffe, wie auch jene, dass sich „Demokratien durch einen schonenderen Umgang mit natürlichen Ressourcen auszeichnen“.
Der Anspruch staatlicher Repräsentation
Der Anspruch staatlicher Repräsentanten ging aber noch viel weiter.
Es ging der neuen Interventionspolitik um das Entwerfen neuer Landschaften auf dem Reißbrett und nicht zuletzt darum, die Beziehungen der lokalen Bevölkerungen in den Auenlandschaften umzugestalten. „Neue staatliche Akteur:innen, wissenschaftliche Expert:innen, Ministerialbeamt:innen tauchten über die Jahrzehnte hinweig in meist peripher liegenden Überflutungsgebieten auf“, erzählt Gatejel.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert gingen Imperialbeamte und Wissenschaftler aus ganz Europa auf Expeditionen, erkundeten nah und fern gelegene Wasserlandschaften, fertigten Pläne für deren Umgestaltung. Gemeinsam war diesen Unterfangen, unabhängig davon, ob sie in Kolonialräumen oder in inneren Peripherien stattfanden, die Betrachtungsweise aus der Vogelperspektive, welche diese als unübersichtlich wahrgenommenen Gebiete zu ordnen versuchte.
„Dieser Drang nach Übersichtlichkeit und Lesbarkeit wird als typisch für die (Hoch-)Moderne angesehen, nämlich das Streben, geographische Räume und die dazugehörige Bevölkerung so zu organisieren, dass ein rationales Verwalten und eine effiziente Ressourcenentnahme möglich werden,“ erklärt die Wissenschaftlerin, die ihr Leibniz-Projekt am Regensburger Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) voranbrachte. Nun wird sie mit einer der renommierten Heisenberg-Stellen der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität Regensburg gefördert.
Ein zweiter Schwerpunkt ihrer Studien sind die geplanten Bodenreformen. Mit ihnen kann sie zeigen, wie ländliche Entwicklungsprogramme auf sozioökonomische und ökologische Fragen einwirkten.
Ein dritter und letzter Schwerpunkt fokussiert die hydraulischen Bauten in den Auen aus der Perspektive der sogenannten hydraulischen Syndikate (bis 1948) und danach der landwirtschaftlichen Genossenschaften, deren Lebensumstände am stärksten von den Dammbauten beeinflusst wurden.
In ihrem von der Leibniz-Gemeinschaft geförderten Projekt Contested Waterway. Governance and Ecology on the Danube, 1800-2018 skizzierte Luminita Gatejel bereits den Umgang lokaler Anrainergruppen mit (katastrophalen) Fluten in der Moderne.
Besonders wichtig ist der Wissenschaftlerin in ihren Projekten interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit. So versammelt das Donau-Projekt Historiker und Anthropologinnen, Geographen und Ingenieurinnen aus Deutschland, Slowenien, Ungarn, Bulgarien und Rumänien in einem interdisziplinären Konsortium, das die politische, soziale und ökologische Verwandlung des Flusses über mehr als zwei Jahrhunderte analysiert.
In den nächsten Monaten wird die Historikerin ihre internationale Kooperation nun verstärken.
Möglich wird das durch das Heisenberg-Programm, und auch dadurch, dass ihr elfjähriger Sohn nun zunehmend selbstständiger wird, freut sich die Historikerin, die am Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas der Universität Regensburg eingebunden ist.
Ein großes Plus: Das Regensburger Netzwerk der Area Studies und der damit verknüpften Institutionen, die Luminita Gatejel als ideales Arbeitsumfeld schätzt.
Links
Zu PD Dr. Luminita Gatejel
E-Mail: luminita.gatejel
@
ur.de
Zur Pressemitteilung der Universität Regensburg vom 10. Juni 2025 „Ökologische Umgestaltung und soziale Konflikte an der Donau"
Über das Heisenberg-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Comments
No Comments