Professorin Dr. Heidrun Stöger, Inhaberin des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Regensburg, ist eine international renommierte Forschungspersönlichkeit, die vielfältige Projekte und Programme im Bereich Schulforschung, Schulentwicklung und Evaluation konzipiert und leitet. Sie ist als Wissenschaftlerin regional, national und international engagiert und vernetzt.

Im Rahmen ihrer Forschung setzt sie sich seit vielen Jahren mit der Begleitung interessierter Jugendlicher in den und in die Fächer/n Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (abgekürzt MINT) auseinander. Es geht Professorin Heidrun Stöger einerseits um Jugendliche, die bereits ein Interesse an MINT haben (und oft besonders motiviert und leistungsstark sind), aber ebenso um Junge Menschen, die noch kein Interesse entwickelt haben. Bei ihnen will sie Begeisterung wecken.

„Auf dem Weg zu einer MINT-FörderkultUR. Ein transdisziplinäres Forschungs- und Praxisprogramm an der Universität Regensburg“ lautet der Titel ihres Festvortrags beim Dies Academicus der Universität Regensburg am 28. November 2025 im Auditorium maximum. Die Gäste sind Lehrende, Studierende, Alumni und Freunde der UR, die traditionell am letzten Donnerstag im November eingeladen werden, um auf das akademische Jahr zurückzublicken und sich von einem Festvortrag inspirieren zu lassen.

Es ist ein Vortrag, der mit recht ernüchternden Hinweisen beginnt. In den MINIT-Fächern verlieren wir den Anschluss: In Sachen Leistung, in Sachen Kompetenz.

Die Bildungsforscherin Stöger arbeitet mit ihrem Team an einer Vielzahl von Projekten, die sie angestoßen hat oder die unter ihrer Leitung vorangebracht wurden und werden. Unter anderem unterstützt sie mit ihrem Team besonders talentierte und motivierte Schülerinnen und Schülern mit hohem Potenzial in den MINT-Fächern. Stöger will, dass zum einen ihre Talente sichtbar und zum anderen nicht von Genderstereotypen dominiert werden.

Die Projekte und Programme der Wissenschaftlerin reichen weit und finden Anerkennung, auch in Drittmitteln. Sie ist gern gesehener Gast auf Konferenzen u. a. in Europa, Nord- wie Südamerika, Australien und Ostasien. Die Pontificia Universidad Católica del Perú hat ihr eine Ehrenprofessur verliehen. An diesem Abend kann sie nur einen kleinen Ausschnitt aus dem vielschichtigen Portfolio ihres Lehrstuhls präsentieren. 

Geringere Leistungen, weniger Kompetenz

„Ein Problem ist, dass wir leistungsmäßig den Anschluss verlieren“, sagt Stöger eingangs, „das beginnt bereits während der Schulzeit“. Die neuesten PISA-Daten zeigten, dass die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in heimischen Klassenzimmern im internationalen Vergleich in MINT nur noch im Mittelfeld liegen.

Noch problematischer ist laut Stöger jedoch das immer weiter sinkende Kompetenzniveau der Schülerinnen und Schüler. Die Rednerin zeigt exemplarisch die neuesten Ergebnisse des IQB-Bildungstrends: Das Kompetenzniveau ist von 2018 auf 2024 in allen untersuchten MINT-Fächern gesunken. Das sehe zunächst vielleicht nicht so schlimm aus, erklärt Stöger, doch wenn man die Punkte in Lernmonate umrechne, ergebe sich ein anderes Bild.

Die Kohorte der 2024 untersuchten Jugendlichen liegen in ihren Kompetenzen etwa sechs Monate „hinter“ dem Kompetenzniveau der 2018 untersuchten Jugendlichen. COVID allein scheint nicht daran schuld zu sein – auch vorher habe man diese Abnahme bereits konstatieren können, sagt Stöger. Sie zeige sich über alle Schularten hinweg, auch am Gymnasium. Am deutlichsten wird das im Fach Mathematik.

Mangelnde Begeisterung für MINT

Neben geringeren Leistungen und weniger Kompetenz sieht Stöger ein weiteres Problem: „Es gelingt uns nicht, genügend Menschen für den MINT-Bereich zu begeistern.“ Dies zeige sich unter anderem in der großen Fachkräftelücke, die in Deutschland auf allen Ebenen bestehe: Experten wie Akademikerinnen, spezialisierte Technikerinnen und Meister oder auch Facharbeiterinnen – sie fehlen alle.

Die Festrednerin des Abends hat Mathematik und Psychologie studiert, erzählt Moderatorin Caro Matzko, die durch den Abend im Audimax führt. Zu Beginn ihrer Karriere leitete Heidrun Stöger die Forschungsabteilung der landesweiten Beratungs- und Forschungsstelle für Hochbegabte an der Universität Ulm. Eine einfache Antwort auf die Frage, warum es bei uns so hakt in Sachen Mathematik gibt es laut Stöger nicht. Es handle sich um ein Zusammenspiel verschiedener Ursachenbündel. Ein Grund sei, „dass wir bestimmte Gruppen besonders schlecht erreichen“, sagt die Wissenschaftlerin. „Beispielsweise gelingt es uns trotz mittlerweile jahrzehntelanger Bemühungen nicht, mehr Frauen für den MINT-Bereich zu gewinnen.“

Interessant dabei: Frauen entscheiden sich laut Stöger „trotz genauso guter oder sogar besserer Leistungen deutlich seltener für MINT, zumindest in den meisten Bereichen“. Die Bildungsforscherin präsentiert eine Statistik aus dem letzten MINT-Frühjahrsreport des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Der Frauenanteil in MINT liegt laut Stöger in Deutschland bei 16,4 %.

Die Forschung an Stögers Lehrstuhl setzt an diesen Problemfeldern an.

Zwei Ziele stehen im Vordergrund:

  1. ein besseres Verständnis zu erlangen, wodurch diese Probleme bedingt sind,
  2. daraus ableitend geeignete Maßnahmen zu entwickeln, die dazu beitragen, die Situation zu verändern

Was beeinflusst die Wahl von MINT-Fächern?

Ein exemplarisches Projekt, ein besseres Verständnis der Problemfelder zu erlangen, ist das vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) geförderte Projekt FösaMINT, in dem Stögers Team untersucht, welche individuellen und umweltbezogenen Merkmale MINT-Wahlen beeinflussen.

„Insbesondere untersuchen wir die Bedeutung schulischer und außerschulischer MINT-Förderangebote für MINT-Wahlen“, erklärt Heidrun Stöger. Das Ergebnis: Offensichtlich sind außerschulische Angebote sehr gut geeignet, das Interesse und die Motivation, aber auch die Kreativität von Schülerinnen zu fördern.

Doch seien sie „teilweise nicht so optimal, wenn es um den Kompetenzerwerb geht“, erläutert die Wissenschaftlerin. Um die Stärken beider Bereiche zu nutzen, müssten schulischer und außerschulischer Bereich miteinander kooperieren.

Wie können Kooperationen zwischen schulischem und außerschulischem Bereich gelingen?

Stöger und ihr Team untersuchen die Gelingensbedingungen derartiger Kooperationen und gehen auch „ganz breit der Frage nach, welche individuellen und umweltbezogenen Einflüsse die MINT-Wahlen von Mädchen und Jungen beeinflussen“, erklärt die Bildungsforscherin. Hierzu führte man eine über fünf Jahre laufende Längsschnittstudie an Schulen in ganz Deutschland (2022–2027) durch.

„Das bietet uns die Möglichkeit, bereits während der Schulzeit reale Wahlen zu erheben, beispielsweise, ob MINT-Leistungskurse gewählt werden“, sagt Stöger, zudem könne man sich „am Ende der Schulzeit auch ansehen, ob sich die Schüler:innen für MINT-Studiengänge oder -Berufe entscheiden“. 

Unterschiede in der situativen Wahrnehmung

Eine wichtige Frage dabei ist, wie Schülerinnen und Schüler den MINT-Unterricht wahrnehmen. Dafür wurden ca. 2000 Kinder und Jugendliche befragt. Fakt ist: Alle Lernenden sitzen im gleichen MINT-Unterricht, nehmen diesen aber sehr unterschiedlich wahr. Das hat Einfluss darauf, ob sie sich im weiteren von Mathematik und naturwissenschaftlichen und technischen Fächern abwenden. Oder eben nicht.

Das Publikum bleibt zurückhaltend, als Heidrun Stöger um spontane Reaktionen bittet, was man denn glaube, wie Schulkinder und Jugendliche den Unterricht in den MINT-Fächern wahrnehmen. Die Referentin begegnet der Zurückhaltung mit ihren Erkenntnissen: Die Wahl mathematischer und naturwissenschaftlicher Fächer ist bei Mädchen negativer besetzt als bei Jungen. Dies gilt zwar nicht signifikant für die Faktoren „Pflichterfüllung“, „geistige Anforderungen“, „Gemeinschaft“, aber sehr wohl für andere Aspekte wie „negative Gefühle“, „Bedrohung“ oder „Täuschung“.

Stöger verweist auf die Komplexität der Forschung zu solchen Befunden; ähnlich komplex ist die Entwicklung geeigneter Maßnahmen, die dazu beitragen sollen, den Status quo nachhaltig zu verändern. 

Wie lässt sich intervenieren? 

Ein Beispiel, das Stöger dem Publikum vorstellt, ist das Projekt CyberMentor. Es begleitete in den 20 Jahren seines Bestehens mehr als 11.000 Mentee-Mentorinnen-Paare und begeisterte Mädchen erfolgreich für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Das Projekt wird an ihrem Lehrstuhl nicht nur umgesetzt, sondern auch umfassend beforscht, berichtet die Wissenschaftlerin. Das Ziel von CyberMentor ist es, Mädchen durch individuelles Online-Mentoring für MINT zu begeistern. Jährlich können bis zu 800 Schülerinnen der 5. bis 13. Klasse aus ganz Deutschland kostenlos an CyberMentor teilnehmen. Als Mentorinnen engagieren sich ehrenamtlich Frauen, die im MINT-Bereich arbeiten oder ein MINT-Fach studieren. Jede Mentee wird für mindestens ein Jahr von einer persönlichen Mentorin betreut.

Der Austausch erfolgt über eine programmeigene geschützte Online-Plattform per Mail, Video-Chat und Foren. Die Plattform dient auch zur Vernetzung; die Mädchen können mit bis zu 1.600 anderen Teilnehmerinnen in Kontakt treten. Aus Sicht Stögers ist dies besonders wichtig, „weil sie auf diese Weise sehr viele Mädchen kennenlernen, die sich ebenfalls für MINT interessieren, aber auch sehr viele Frauen, die im MINT-Bereich arbeiten – beides ist in der Lebenswelt der meisten Mädchen etwas Besonderes“.

Welche inhaltlichen Möglichkeiten bietet die Plattform?

Um Mädchen mit möglichst vielen MINT-Studiengängen und -Berufen vertraut zu machen, lege beispielsweise jede Mentorin auf der Plattform eine persönliche Seite an, auf der sie sich und ihren Beruf kurz vorstellt und schreibt, was ihr an ihrem Beruf besonders viel Spaß macht, erzählt Stöger. Schülerinnen könnten dann gezielt Frauen anschreiben, deren MINT-Bereich oder -Beruf sie besonders spannend finden. Zudem arbeiten die Teilnehmerinnen zu zweit oder in Gruppen an disziplinären und interdisziplinären MINT-Projekten.

Um herauszufinden, ob das Programm wirksam ist, untersuchen die Forschenden, ob sich positive Veränderungen zeigen: So erheben sie beispielsweise das Interesse oder die Kompetenzen der Schülerinnen, bevor sie bei CyberMentor anfangen, erneut ein halbes Jahr nach Programmstart und noch einmal nach einem Jahr. Das Programm wirke, sagt Stöger, man finde im Laufe der Zeit Zuwächse. Das reiche aber nicht.

„Sie können sich vorstellen, dass Mädchen, die sich für ein Programm wie CyberMentor anmelden, bereits interessierter an MINT sind als die durchschnittliche Schülerin. Es könnte also sein, dass sich Mädchen, die sich für derartige Programme anmelden, ohnehin positiv entwickeln“, erklärt Stöger.

„Um sicherzugehen, dass die positiven Entwicklungen tatsächlich an unserem Programm liegen, vergleichen wir die Entwicklungen unserer Teilnehmerinnen mit denen einer Wartekontrollgruppe, also einer Gruppe von Mädchen, die erst ein Jahr später teilnehmen dürfen.“

Tatsächlich finde man im Vergleich zu gleich interessierten Mädchen, „dass sich Mentees über ein Jahr hinweg positiver entwickeln, beispielsweise hinsichtlich ihrer MINT-Interessen und -Kompetenzen sowie ihrer Intention, später ein MINT-Fach zu studieren“. 

Langzeitstudie macht Erfolge deutlich

Das Ergebnis der Langzeitstudie: 62% der ehemaligen Teilnehmerinnen wählten später tatsächlich einen MINT-Studiengang oder -Beruf, doppelt so viele wie in der jeweiligen Alterskohorte und deutlich mehr als zum Zeitpunkt der Teilnahme vergleichbar interessierte Mädchen, die nicht am Programm teilgenommen haben, so Stöger. Ein weiteres, besonderes Ergebnis: Frühere Mentees engagieren sich nach ihrem Berufseinstieg bei CyberMentor als Mentorinnen.

Fördermaßnahmen, wie man Kompetenzen in den MINT-Fächern steigert, sind weitere Schwerpunkte am Lehrstuhl.

So hat das Programm Global Talent Mentoring zum Ziel, weltweit die begabtesten Jugendlichen zu Spitzenleistungen in MINT zu befähigen. Es wurde an der Universität Regensburg von Heidrun Stöger im Auftrag der Hamdan Bin Rashid Al Maktoum Foundation for Medical and Educational Sciences (Programmbesitzer) in den Jahren 2017–2021 wissenschaftlich konzeptualisiert und realisiert sowie 2021–2024 in mehr als 50 Ländern pilotiert. Seit November 2024 wird das Programm eigenständig von der Hamdan Foundation betrieben.

Transfer mit MesH_MINT

„Uns ist wichtig, dass wir relevantes Forschungswissen in die Praxis und die Bildungspolitik bringen“, sagt Stöger.

Zum Ende ihres Vortrags stellt sie MesH_MINT vor, ein Metavorhaben zu strategischen Handlungsfeldern in der MINT-Bildung. Universität Regensburg, FAU Erlangen-Nürnberg und der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft realisieren es gemeinsam.

Über MesH_MINT fließt relevante Forschung für die MINT-Förderung in die Praxis und die Bildungspolitik. Auch hier fördert das BMBFSFJ Stögers Forschung. Das Vorhaben identifiziert Wissensbedarfe aus der Praxis und der Bildungspolitik durch Workshops, Befragungen und Fokusgruppen mit der MINT-Community.

Erkenntnisse zu den identifizierten Themen werden in jährlichen Treffen von internationalen Expertinnen und Experten diskutiert. Auch Forschungslücken lassen sich so ausmachen. Aus diesen Treffen entstehenden Forschungspublikationen werden vom Stifterverband z. B. Leitfäden und Handlungsempfehlungen für die Praxis entwickelt und in zielgruppengerechten Formaten an die MINT-Community weitergegeben, berichtet Stöger.

Der Hintergrund des Projektes: „Es gibt unglaublich viel Forschungswissen, wie man die MINT-Förderpraxis verbessern könnte, aber viele der Ergebnisse kommen nicht in der Praxis an“. Das führe dazu, dass Maßnahmen in der Praxis teilweise nicht optimal gestaltet würden oder dass es Fehler gebe, die sich hätten vermeiden lassen. Grund genug, sich in Sachen Transfer zu engagieren.

Mehr Informationen

Über den Dies Academicus 2025 an der Universität Regensburg

Zum Lehrstuhl von Prof. Dr. Heidrun Stöger

Was ist der IQB-Bildungstrend?

IQB ist das Akronym des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.

Im Rahmen ihrer Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring hat die Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen, regelmäßig zu überprüfen, inwieweit die mit den Bildungsstandards festgelegten Kompetenzziele in den Ländern in der Bundesrepublik Deutschland erreicht werden. Das IQB führt dazu regelmäßig Studien durch, die seit dem Jahr 2015 als „IQB-Bildungstrends“ bezeichnet werden.

In der Regel finden die Erhebungen in der Primarstufe alle fünf Jahre in den Fächern Deutsch und Mathematik statt und in der Sekundarstufe I alle drei Jahre alternierend in den sprachlichen Fächern (Deutsch, Englisch und Französisch) und in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern (Mathematik, Biologie, Chemie und Physik). Die Ergebnisse werden auf Ebene der Schulsysteme der Länder ausgewertet und liefern der Bildungspolitik Anhaltspunkte dafür, inwieweit umgesetzte Maßnahmen insgesamt positive Entwicklungen ausgelöst haben und in welchen Bereichen weiterer Handlungsbedarf besteht.

Mehr zum IQB

Detaillierte Fakten zu Fächern und Bundesländern lassen sich im IQB-Bildungsbrowser recherchieren.

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