Intelligenz und Kontext

Es gibt Tage, da möchte man sich nur noch ausgiebig analog an all den Clickbaits rächen, Spotyflix mit dem Füllfederhalter abbestellen und eine Vinylplatte auflegen. Einem Vortrag in Präsenz zuzuhören lohnt in diesem Zustand auch, der Lecture in Leadership etwa, die an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Regensburg (UR) ins zehnte Jahr geht.
Im Dezember 2025 referierte in dieser Reihe Dr. Edeltraud Leibrock, UR-Alumna der Physik und Biologie, Senior Partnerin und Global Managing Director der Unternehmensberatung Roland Berger, über „Daten als Schlüssel: Wie Unternehmen mit KI erfolgreich sind“ im vollen Hans-Lindner-Hörsaal der UR. Wieder geht es um Digitales. Aber Edeltraud Leibrock versöhnt uns, spricht sie doch am liebsten „mit wachen, intelligenten Menschen“, wie sie im Laufe des Abends glaubhaft (!) versichert.
KI hat in Unternehmen Einzug gehalten
UR-Vizepräsidentin für Digitalisierung, Netzwerke und Transfer, Professorin Dr. Susanne Leist, verweist in ihrer Begrüßung auf die Rolle von Daten als strategische Ressource, besonders im Kontext Künstlicher Intelligenz: „Nur ein Bruchteil dieser Ressource ist bisher in Unternehmen erschlossen.“
Künstliche Intelligenz verändere gerade vieles, auch das Beratungsgeschäft, sagt Leibrock. Die KI sei Teil des Teams geworden. Im Gespräch mit ihren Kunden geht es meist um GenAI, Generative Künstliche Intelligenz. „GenAI ist ein unglaublicher Durchbruch, da wir erstmals mit der Maschine in menschlicher Sprache kommunizieren können. GenAI weckt aber auch Erwartungen, die noch nicht immer erfüllt werden können“.
Generative Künstliche Intelligenz ist eine KI-Form, die neue, originelle Inhalte wie Texte, Bilder, Musik oder Code erzeugt, indem sie Muster aus riesigen Datensätzen lernt und diese nachahmt. Anders als traditionelle KI, die oft nur analysiert, erschafft Generative Artificial Intelligence, GenAI, mithilfe von Transformer-Modellen (oft großen Sprachmodellen/Large Language Models) etwas Neues. Sie findet bereits breite Anwendung in Bereichen wie Marketing, Kundenservice oder Softwareentwicklung. Große Herausforderungen dabei sind Urheberrechte, ethische Fragen, Datenschutz.
Noch halluziniert GenAI
In den Gesprächen der Beraterin mit ihren Kunden geht es dabei oft um Anwendungsfälle oder Use Cases, die derzeit „entlang der Prozesse wie Pilze aus dem Boden schießen“, sagt Leibrock. Ein paar solcher Use Cases seien sinnvoll, um erste Erfahrungen zu sammeln. Ein echter Nutzen im Sinne von Effizienzsteigerung oder mehr Produktivität sei so allerdings nicht zu erwarten. Im Gegenteil: wenn die Use Cases isoliert und unkoordiniert blieben, entstehe mit zunehmender Anzahl eine Landschaft, die „fragmentierter ist als jede Legacy IT, über die sich alle immer beschwert haben“.
Viele Unternehmen seien enthusiastisch gestartet und stünden nun mit Ernüchterung vor genau diesem Problem: unterschiedliche Technologien, verschiedene Datenquellen, wenig Überblick, keine Transparenz. Außerdem ist jede KI nur so gut wie ihre Daten. Leibrock erinnerte an den Chatbot Tay von Microsoft, der 2016 mit Twitter-Daten trainiert wurde, innerhalb kürzester Zeit toxische Inhalte produzierte und abgeschaltet werden musste – eine gute Entscheidung, die heute wahrscheinlich nicht mehr jedes Unternehmen so konsequent treffen würde. An solchen Beispielen werde deutlich, wie sehr Daten bestimmen, was KI tut.
GenAI liefere „die am wahrscheinlichsten richtige Lösung, die aber grundfalsch sein kann“. Maschinen „verstehen“ nicht wie wir Menschen, können jedoch sehr überzeugend diesen Eindruck erwecken. „Transformer-Modelle halluzinieren“, so Leibrock. Diese Erfahrung hat sicher jeder auch schon selbst gemacht. Umso wichtiger sei es, die Modelle in konkretem Domänen-Wissen und -Kontext zu verankern.
Fünf Gründe, warum künstliche Intelligenz Kontext braucht
Jede Form von Intelligenz braucht Kontext
GenAI sei besonders stark im Umgang mit unstrukturierten Daten, z. B. Text aus Dokumenten. Unternehmensdaten lägen jedoch oft als strukturierte Daten vor – organisiert in Datenbanken fachlicher Organisationseinheiten, konzipiert für maschinelle Verarbeitung durch Software und nicht einfach zugänglich für natürliche Sprache. Ein simples „Zusammenschütten“ dieser Daten, führe zu Kontext- und damit Informationsverlust – keine gute Lösung, die Silos zu verbinden.
Besser sei eine siloübergreifende Datenintegrationsschicht, die durch die operativen Systeme beliefert werde und als Single Source of Truth (SSOT) für die auswertenden Systeme fungiere. Jedoch stelle sich auch hier die Frage, wie man Datendefinitionen vereinheitlichen und dabei den Kontext erhalten könne.
Single Source of Truth (SSOT) ist ein Datenmanagementprinzip, bei dem alle wichtigen Informationen an einem zentralen, maßgeblichen Ort gespeichert sind. So wird sichergestellt, dass alle Beteiligten dieselben zuverlässigen Daten für einheitliche Entscheidungen, verbesserte Qualität und Effizienz nutzen, wodurch Silos und Verwirrung durch mehrere, widersprüchliche Datenversionen vermieden werden.
Knoten und Kanten
Die Lösung liegt laut Leibrock in siloübergreifender Datenintegration mithilfe semantischer Graphen, einer Struktur aus der frühen Computer-Linguistik der 1950er Jahre. Ähnlich wie Verben Substantive verbinden, verknüpfen semantische Graphen Daten in ihrem Kontext miteinander. Sie bestehen aus Knoten (Daten) und Kanten (Beziehungen). Welche Beziehungen zulässig sind, wird domänenspezifisch entlang kognitiver oder fachlicher Logiken modelliert. Ein weiterer großer Vorteil: Bestehende Datenbanken müssen nicht physisch migriert werden. Stattdessen werden die vorhandenen Datentöpfe über die semantische Metaebene miteinander verbunden.
Leibrock veranschaulichte dies an einem Beispiel ausgehend von Leonardo da Vinci: geboren 1452 in der italienischen Toskana, Zeitgenosse Michelangelos, Schöpfer u.a. der Mona Lisa, die heute im Louvre in Paris zu sehen ist usw. Das könne man beliebig weiterspinnen, und es entstehe domänenweise eine organisch wachsende, flexible Struktur, die jederzeit angepasst und aktualisiert werden könne.
„Neben der Renaissance-Domäne mit den Künstlern und ihren Auftraggebern haben wir hier die Länder-Domäne, in der wir aktuelle internationale Beziehungen abbilden können. So kann man Domäne für Domäne ein semantisches Netz aufspannen. Man erhält eine organisch wachsende, flexible Struktur, die jederzeit angepasst und aktualisiert werden kann“, sagt Leibrock.
The truth about AI — why artificial intelligence cannot really ‘understand’ context
Daten sind die Kronjuwelen
GenAI ist besonders gut mit unstrukturierten Daten, aber gerade die strukturierten Daten seien die Kronjuwelen der Unternehmen und der Wirtschaft. Solange diese nicht auch genutzt werden, könne das volle Potenzial von KI nicht realisiert werden, um z. B. Prozesse Ende-zu-Ende zu optimieren und zu automatisieren. Ein Beispiel für hochwertige Datenbestände sei das European DataWarehouse, das nach der Finanzkrise auf Initiative der Europäischen Zentralbank gegründet wurde. Es sammelt seit 2012 Daten zu Verbriefungstransaktionen in Europa. So sei ein enormer Datenschatz entstanden – gut strukturiert und zugänglich.
Die zentrale Frage laute jedoch: nutzen wir in Europa unsere Daten auch? „Aktuell noch viel zu wenig“, so Leibrock – es seien derzeit immer noch eher nicht-europäische Player, die den Wert von Industrie- und Geschäftsdaten erkennen und nutzen. Europas Stärke liege in industrieller Expertise und hochwertigen Prozessen und künftig, so sei zu hoffen, auch darin, die selbst generierten Daten gezielt für die eigene Wertschöpfung zu nutzen – ein Thema, das auch das mittelständische Unternehmertum im Publikum beschäftigt. Semantische Graphen spielen eine große Rolle dabei, diese Kronjuwelen zu erschließen – verständlich, kontextualisiert und nutzbar.
Vision und Kultur sind entscheidend
„Alle, die sich schon mal mit großen Transformationsprojekten beschäftigt haben, wissen aber auch, dass sie selten an der Technik scheitern“, sagt die Referentin. Das sei die gute Nachricht. Die schlechte: „Es gibt eine ganze Reihe anderer Ursachen“. Jedes Vorhaben brauche eine gemeinsame Vision, gute Kommunikation, sinnvolle Governance und v. a. empathische Führung, die mit Ängsten vor Veränderung und Widerständen konstruktiv umgeht.
Am Ende ihres Vortrags betont Leibrock: Entscheidend sei der „Faktor Mensch“ und eine Kultur der Zusammenarbeit über Bereichs- und Silogrenzen hinweg. Nur dann könne auch Künstliche Intelligenz ihren Beitrag leisten zum Wohle des Unternehmens und der Menschen.
Mehr Informationen
Über Dr. Edeltraud Leibrock http://www.eleibrock.de/ und https://www.rolandberger.com/de/Persons/Edeltraud.Leibrock.html
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