Klimawandel, Artensterben, Fake News und hitzige Debatten in sozialen Medien – unsere Gesellschaft steht vor Herausforderungen, die nicht nur wissenschaftliches Wissen, sondern auch die Fähigkeit zum Dialog erfordern. Wie können wir lernen, respektvoll zu diskutieren, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen und Entscheidungen auf einer soliden Basis zu treffen? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Arne Dittmer, Professor für Biologiedidaktik gesprochen. Er lehrt und forscht zu dem Thema Bewertungskompetenz an der Universität Regensburg.

Im Interview erklärt Arne Dittmer, warum gerade der Biologieunterricht ein Schlüssel für politische Bildung ist, wie Lehrkräfte ethische Fragen im Unterricht aufgreifen können und welche Methoden helfen, Diskussionskultur und Bewertungskompetenz zu fördern. Denn Biologie ist politisch: Themen wie Naturschutz, Klimaschutz, Sexualbildung oder der Umgang mit Rassismus sind eng mit dem Fach verknüpft. Hier entstehen Chancen für gelebte Demokratiebildung – und für die Vermittlung von Kompetenzen, die in einer Zeit von Hate Speech und Wissenschaftsleugnung unverzichtbar sind.

Ein Beitrag über die Zukunft des Unterrichts – und darüber, wie wir gemeinsam lernen können, unsere Welt verantwortungsvoll zu gestalten.

Herr Prof. Dittmer, inwiefern gewinnt die Förderung von Diskussionskultur und Bewertungskompetenz zunehmend an Bedeutung?

In einer demokratisch verfassten, freiheitlichen Gesellschaft war es immer schon bedeutsam, dass Menschen lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen und die Sichtweisen und Interessen anderer wahrzunehmen. Dies bedarf vor allem dann einer Kultur guter und respektvoller Kommunikation, wenn es darum geht, alltägliche und berufliche Aufgaben gemeinsam anzugehen und Probleme zu lösen. 

Bewertungskompetenz wiederum ist ein Terminus der Bildungsstandards für den naturwissenschaftlichen Unterricht und bezieht sich auf eine Förderung der Reflexions- und Urteilsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern, insbesondere in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemlagen. Bezogen auf das Unterrichtsfach Biologie gibt es hier einige zu nennen, angeführt von globalen Herausforderungen wie dem Biodiversitätsverlust, Klimawandel oder der Umweltverschmutzung. 

Die Themen sind nicht neu, aber der Handlungsdruck nimmt zu und zusätzlich – ich wünschte, wir könnten uns auf den Schutz der Biosphäre konzentrieren – erleben wir mit populistischen Strömungen ein Wiedererstarken rassistischer, diskriminierender und wissenschaftsfeindlicher Ideologien. Hier verknüpft sich eine Förderung von Bewertungskompetenz mit der Förderung von Diskussionskultur, denn der öffentliche Diskurs beispielsweise über den Klimawandel oder den Umgang mit Menschen, die aus anderen Regionen zu uns kommen, verdient häufig den Namen „Diskurs“ nicht. 

Die durch soziale Medien geprägte öffentliche Kommunikation steht vor enormen Herausforderungen, wenn es darum geht, Hate Speech, Desinformation und Wissenschaftsleugnung entgegenzuwirken. Der Schule kommt für die Einübung demokratischer Praktiken eine wichtige Rolle zu, wenn wir den Herausforderungen unsere Zeit gemeinsam, konstruktiv und auch mit einer gewissen Lust an der Gestaltung unserer Zukunft begegnen wollen. 

Biologie bzw. Biologieunterricht hat eine ethische und – wenn es um Teilhabe und die Konsequenzen unseres Handelns geht – politische Dimension. Eine Förderung von Diskussionskultur im Unterricht ist gelebte Demokratiebildung und viele Unterrichtsinhalte können für eine fachbezogene politische Bildung genutzt werden.

„Eine Förderung von Diskussionskultur im Unterricht ist gelebte Demokratiebildung…“

Wieso ist gerade der Biologieunterricht ein wichtiger Ort für die politische Bildung im Unterricht?

Jeder Unterricht ist ein wichtiger Ort für politische Bildung und hat sein je eigenes Potenzial. Mein Interesse gilt insbesondere dem Biologieunterricht, da ich aus dessen Perspektive die oben genannten Herausforderungen betrachte und auch eine besondere Verantwortung im Fach Biologie und damit bei den Biologielehrkräften sehe. Der Schutz der Natur, Erhalt von Biodiversität, Klimaschutz oder auch der Umgang mit Sexualität und das Phänomen „Rassismus“ sind thematisch eng mit dem Fach Biologie verknüpft. 

Nehmen wir diese drei Schlagwörter: „Naturschutz“, „Sexualbildung“ und „Rassismus“. Dass der Schutz der Natur – Arten, Ökosysteme, die Biosphäre – ein politisches Thema ist, muss ich bei der vielerorts zu beobachtenden Abkehr von Klimaschutzzielen nicht erläutern. 

Sexualbildung ist eine fächerübergreifende Bildungsaufgabe, die im Biologieunterricht nicht auf die Vermittlung von Fortpflanzungsstrategien und Wissen über Geschlechtsmerkmale oder genetische Rekombination zu reduzieren ist. Wir sprechen hier auch über Selbstbestimmung und Selbstschutz auf individueller oder den Umgang mit Diversität auf gesellschaftlicher Ebene, insbesondere wenn es um Diskriminierung sexueller Orientierungen und Identitäten geht. Und hieran anknüpfend kann sowohl über biologistische Argumentationen bezüglich Männer und Frauen – Stereotypen über das vermeintlich starke und schwache Geschlecht – oder naive Vorstellungen über vermeintliche menschliche Rassen reflektiert werden. Dabei ist aufzugreifen, dass die Biologie in der europäischen Kolonialgeschichte ihren Beitrag zur Manifestierung rassistischer Ideologien geleistet hat. 

Ich habe noch bei einem Humanbiologen studiert, dessen Lehrbuch deutliche Elemente einer Rassentheorie beinhaltete, heute aber wird die Verwendung des Begriffs Rasse aus fachlicher Perspektive eindeutig zurückgewiesen. Gerade der Blick auf den Menschen aus biologischer Perspektive kann zu naiven Schlussfolgerungen verleiten: Frauen können Kinder gebären, also sollten sie sich auch um sie kümmern! Aber der Besitz einer Gebärmutter hat nichts mit dem ethischen Prinzip der Fürsorge zu tun. Es wird als ein Sein-Sollen-Fehlschluss bezeichnet, wenn aus einer empirischen, deskriptiven Aussage eine normative Bewertung oder Handlungsaufforderung abgeleitet wird.

Wie können Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, zwischen deskriptiven und normativen Aussagen zu unterscheiden?

Fachlehrkräfte haben unterschiedliche Ressourcen und ich blicke auf die Biologielehrkräfte, die in der Regel kein zusätzliches Philosophiestudium absolviert haben. Bezüglich der Frage, über welche ethischen Grundkenntnisse eine Biologielehrkraft verfügen sollte, um ethische Fragen im Unterricht aufgreifen zu können, bin ich zurückhaltend. Aber ein paar Grundbegriffe sind notwendig und der wichtigste Kandidat ist hier für mich der „Sein-Sollen-Fehlschluss“ und damit ein Wissen über die Bedeutung normativer Prämissen, den Werten, in ethischen Argumenten. 

Es gilt Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass in einer ethischen Kontroverse immer auch die zugrundeliegenden, miteinander konfligierenden Werte zu identifizieren sind, wie beispielsweise „Fürsorge“. Man kann noch so viel beschreiben, wie im statistischen Mittel der weibliche oder der männliche Körper beschaffen ist und welche biologische Funktion irgendwelche Organe haben, aus der Darstellung der empirischen Welt lassen sich keine Werte wie „Fürsorge“, „Gerechtigkeit“ oder „Schutz vor Leiden“ ableiten. 

Verdeutlichen kann man dies anhand von Fallbeispielen, bei denen empirische Daten je nach Wertorientierung unterschiedlich interpretiert werden: Für denen einen war die Corona-Impfung eine Begrenzung seiner Freiheit, für die andere ein Akt der Solidarität. Welchen Werten wir folgen wollen, können wir nicht empirischen Studien entnehmen. Wir müssen aushandeln, wie wir leben wollen und ob unsere Wertorientierungen allen oder nur bestimmten Menschen ein gutes Leben ermöglichen. 

Der Unterschied zwischen deskriptiven und normativen Aussagen ist nichts, was man auswendig lernt, sondern etwas, was man mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet, damit sie selbst die Erfahrung machen, dass Werte und Normen Ergebnisse sozialer Aushandlungsprozesse sind. Damit sind wir wieder bei der Diskussionskultur.

“Wir müssen aushandeln, wie wir leben wollen und ob unsere Wertorientierungen allen oder nur bestimmten Menschen ein gutes Leben ermöglichen.”

Welche methodischen Ansätze oder Formate eignen sich besonders gut, um Lehrkräfte so auszubilden, dass sie Diskussionskultur und Bewertungskompetenz vermitteln können? 

In einer idealen Universitätswelt sind es kleine Seminare und kontinuierliche Begegnungen, in denen Lehramtsstudierende Erfahrungen mit moderierten Diskussionen oder anderen Übungen zum Perspektivenwechsel oder Methoden der ethischen Analyse sammeln können. Kleine Gruppen und kontinuierliche Begegnungen, um auch Raum für die Reflexion eigener Vorstellungen, Erfahrungen und Unsicherheiten zu geben. Manchmal können wir dies in unseren Lehrveranstaltungen bieten, oft bleibt es bei aber auch bei einem ersten kennenlernen und ausprobieren von Methoden. 

Grundsätzlich sind Übungen zur Moderation von Diskussionen, beispielsweise im Stil des „Philosophierens mit Kindern und Jugendlichen“, oder die Durchführung von Rollenspielen für Schule und Hochschule geeignet. 

Besonders herausfordernd sind Ansätze, in denen man authentisch über die eigenen Vorstellungen und Gefühle spricht, im Gegensatz zu Rollenspielen, in denen man sich hinter der vorgegebenen Argumentation eines Landwirts oder einer Biotech-Unternehmerin auch ein bisschen verstecken kann. Alle Ansätze sind übertragbar, je nach Alter der Adressaten ändert sich die Sprache, aber die grundlegenden Kompetenzen, die wir in unseren Seminaren adressieren, sind auf die Schule übertragbar.

„Besonders herausfordernd sind Ansätze, in denen man authentisch über die eigenen Vorstellungen und Gefühle spricht.“

Welche Kompetenzen benötigen Lehrkräfte selbst, um Diskussionskultur und Bewertungskompetenz zu vermitteln?

Angenommen, eine Biologielehrkraft hat die Wahl zwischen drei verschiedenen Fortbildungen: Eine zu den Grundlagen der Bioethik, eine moralpsychologische und eine, in der Gesprächsführung, aktives Zuhören und auch das sich als Lehrkraft zurücknehmen können geübt wird, dann würde ich als Erstes die letzte Fortbildung empfehlen. 

Bei der Behandlung von Kontroversen, welche die Schülerinnen und Schüler vielleicht auch selbst berühren oder belasten, geht es bei Lehrkräften allen voran um kommunikative und soziale Fähigkeiten und um Empathie und auch darum, aus der stets bewertenden und wissensvermittelnden Rolle heraustreten zu können. Wer Diskussionskultur fördern will, sollte Diskussionskultur initiieren können. Als Nächstes dann gerne die moralpsychologische Fortbildung, denn man sollte schon wissen, wie der Mensch als psychisches Wesen tickt, um besser die Genese von Vorurteilen und den Einfluss sozialer Interaktionen und von Emotionen auf unser moralisches Handeln einordnen und mit Schülerinnen und Schülern reflektieren zu können. 

Und wenn dann noch Luft ist, dann gerne viele Fortbildungen, in denen man sich anhand exemplarischer Themenfelder ethische Grundkenntnisse aneignet. Entsprechend bin ich in meinen Veranstaltungen sparsam mit ethischen Begriffen, lege mehr Wert auf moral- und sozialpsychologische Grundkenntnisse und sehe als wichtigste Elemente in der Lehrkräftebildung Diskussionen und Reflexionen, um hier methodische Erfahrungen zu machen und sich mit der eigenen Rolle und persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen auseinandersetzen zu können.

“Wer Diskussionskultur fördern will, sollte Diskussionskultur initiieren können.”

Kontakt

Prof. Dr. Arne Dittmer
Biologiedidaktik
Universität Regensburg
Tel. 0941/943-3114
E-Mail: Arne.Dittmer@ur.de

 

Mehr Informationen

AG Dittmer - Biologie und Vorklinische Medizin - Universität Regensburg

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