Die gestiefelte Katze trägt eine barbiepinke Hose. Ihr Job ist es, die Rednerin beim Gliedern ihres Vortrags zu unterstützen. Man denkt an die vielen Powerpoint-Folien mit den 1.5.9s und As und IIIs und die immer gleichen Ziffern und Buchstaben... 

Wie oft wünschten wir uns schon farbsatte Katzen mit gelben Stiefelchen in die Mustervorlagen? Ab jetzt noch öfter. 

Doch diese Katze streunt nicht. 

Die mehrfach ausgezeichnete Regensburger Comiczeichnerin Sophie Nicklas hat sie exklusiv für den Praxisteil eines besonderen Seminars geschaffen, das Professorin Dr. Miriam Banas (Fakultät für Medizin; Universitätsklinikum Regensburg, Abteilung für Nephrologie) und Dr. Laura Niebling (Medienwissenschaft, Department für Interkulturelle und Multidisziplinäre Area Studies, DIMAS) gemeinsam mit Professorin Dr. Silke Härteis (Fakultät für Biologie und Vorklinische Medizin, Molekulare und Zelluläre Anatomie) im Wintersemester 2025/26 anbieten. 

Miriam Banas wird konkreter: Der Nephrologin und Transplantationsmedizinerin geht es um das Schärfen des Bewusstseins, um mehr Awareness, für Nierenerkrankungen: „Mehr als 12 % der Bevölkerung leiden an einer Nierenkrankheit, und mehr als 50 % dieser Menschen wissen nichts von ihrer Erkrankung“, berichtet Banas. „Mittlerweile gibt es neue Medikamente, welche die Progression von Nierenerkrankungen verlangsamen und den Beginn einer Dialyse nach hinten verschieben können.“ In manchen Fällen ließe sich die Dialyse sogar komplett vermeiden.

Dafür braucht es aber das Wissen darum, was präventiv möglich ist. 

So gibt es beispielsweise einfache Screening-Untersuchungen, denn ein einfacher Blut- und Urintest beim Hausarzt reichen aus, Nierenerkrankungen zu detektieren. Miriam Banas‘ Ziel ist es, mit neuen Tools auf solche Vorsorgeuntersuchungen aufmerksam zu machen und Vorbeugung zu stärken: „Neben der Allgemeinbevölkerung will ich im ersten Schritt Betriebsmediziner:innen und Betriebsleitungen großer Unternehmen der Region mit ins Boot holen.“ 

Allein eine gute Einstellung von Blutdruck und Diabetes könnte Nierenerkrankungen vermeiden. Zu diesem Zweck muss man den Menschen aber etwas an, am besten in die Hand geben. Zu einem Comic greift man vermutlich eher und lieber als zum Faltblatt mit Gebäude-Fotos.

Denn Symptome erkennen, in die Praxis oder Klinik gehen, therapiert werden sind in der Realität vieler Patienten und Ärztinnen häufig ein komplizierter und frustrierender Weg. „Ein wesentliches Hindernis ist hierbei eine niedrigschwellige Gesundheits- und Medizinkommunikation, die alle erreicht und der sich alle bedienen können“, fasst Laura Niebling zusammen. Gesundheit und Krankheit lassen sich auch als soziale Konstrukte begreifen, die über Kommunikation gesellschaftliche Legitimation erhalten. 

Sophie Nicklas zieht einen roten Rollkoffer in den H3. 

Im Gepäck hat sie Dutzende Bücher, in allen Formaten, dick und dünn, Farbpalette und Schwarzweiß, von „Shit is real“ über „L’Affaire Wurst“ bis Theodor Storms „Schimmelreiter“, dessen Mantel sich im Textileinband spiegelt. Alle Bücher erzählen Geschichten mit Bildern. 

Manchmal sind sequenzielle Bilderzählungen – und das sind Comics, sagt Sophie Nicklas – auch ganz schlicht konzipierte Einseiter: Eine Karte mit Sicherheitsinstruktionen, die zeigt, wie man im Flugzeug Schwimmweste und Sauerstoffmaske anlegt. Eine Gebrauchsanleitung, die uns erklärt, wie sich Billy zusammenschrauben lässt. Bilderzählungen sind jedoch keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, wie man vielleicht spontan vermuten möchte. Sophie Nicklas zeigt Bilder ägyptischer Wandinschriften, des Teppichs von Bayeux, der Trajanssäule in Rom: Menschen nutzten immer Bilder und Zeichnungen, um auch lange und große Geschichten zu erzählen. 

Vor der kreativen Praxis geben die Dozentinnen theoretischen Input.

Medizinerin Miriam Banas führte in die Nephrologie und das Organ Niere ein. Die Spezialistin für Transplantationsmedizin lud zum Seminar auch einen mehrfach transplantierten Patienten ein. Er erzählte von sich, von Organspenderinnen und gespendeten Organen. Ein Feld, bei dem Ängste, Hoffnung, Leben, Tod eng beieinander liegen. Auch diese sehr emotionale Komponente sollte den Studierenden bewusst werden. Mit Silke Härteis standen Anatomie und Genetik auf dem Stundenplan. Laura Niebling führte in die Medizin- und Gesundheitskommunikation ein. 

Sophie Nicklas projiziert Dutzende von Ausschnitten und Seiten verschiedener Comics an die Wand. Dabei erklärt sie unter anderem, wie sich Bildfolgen gestalten lassen. Sie selbst verbindet in ihrer Arbeit zeitgenössische Zeichnung, experimentelle Comics und Mixed-Media-Storytelling miteinander. Seit 2023 arbeitet Sophie als freiberufliche Illustratorin und Comiczeichnerin. Sie illustriert Kindermagazine und zeichnet Kurzgeschichten, die international veröffentlicht wurden – etwa bei kuš! Komiks (Lettland), KutiKuti (Finnland) oder dem österreichischen Spross Magazin.

Die Einzelbilder, sogenannte Panels, erzählen die Geschichte.

Die Handlung wird von Bild zu Bild angetrieben, so lässt sich auch Tempo machen – man spricht von action to action. Es gibt auch subject to subject, aspect to aspect. An der Größe der Panels lässt sich ablesen, wie schnell etwas wahrgenommen wird oder werden kann. Manchmal stehen mehrere nebeneinander, ohne dass sie direkt etwas miteinander zu tun haben: non sequitur ist der Fachbegriff.

Vor dem Zeichnen gilt es sich zu überlegen, welche Zielgruppe man ansprechen will, wie die Erzählperspektive sich gestalten soll, ob der Comic gedruckt werden soll, welches Format man wählt. Auch eine Leserichtung lässt sich festlegen. Es muss nicht immer von links nach rechts sein. Es geht auch von oben nach unten.

Sophie’s Cat hat die Uhr mit der Frisur fest im Blick. 

Vor der Mittagspause ziehen die Studierenden und ihre Dozentinnen auf die großen Teppichstufen im Zentralen Hörsaalgebäude um. Die Comics sind dabei, alle blättern, lesen, lachen, diskutieren. Immer wieder wird es sehr ernst. Ein Comic zu HIV hat Elemente einer Horrorgeschichte. In einem anderen geht es um häusliche Gewalt. Der Hauptakteur ist ein beeindruckender Panther, der immer wieder zuschlägt. Wieder ein anderes erzählt von der Geburt eines Kindes.

Die Vielfalt von Comics ist immens. Ihre Beliebtheit im deutschsprachigen Raum nimmt zu, die frankophone Welt widmet sich dem Genre schon länger. Frankreich und Belgien gehören zu den Comic-Hotspots in Europa, erzählt die Künstlerin, die Visuelle Kommunikation mit den Schwerpunkten Illustration und Comic erst an der Kunsthochschule Kassel und anschließend Graphic Storytelling an der Luca School of Arts in Brüssel studierte.

Der erste Impuls, Comics für das Zusammenführen von medizinischem Personal und Allgemeinheit zu nutzen, war für Nephrologin Miriam Banas vor wenigen Jahren eine Broschüre, in der ein Forschungsinstitut seine Forschenden in Zeichnungen mit kleinen Stories vorstellte. 

Wissenschaftskommunikation gehört zu Laura Nieblings Arbeitsgebiet, insbesondere im Bereich der Medizin. Sie habilitiert zu Medizinnetzen und Medizinkommunikation an der UR und nutzt dies auch gezielt für eine angewandte Medienwissenschaft, „um ganz im Sinne der interdisziplinären Ausrichtung des DIMAS innerhalb und außerhalb der UR zu kooperieren“, erklärt sie. Sie hat bereits einen medizinischen Weiterbildungspodcast mit Kolleginnen und Kollegen aus der Kinderurologie gemacht und berät derzeit auch bei den Planungen einer nationalen Plattform in der Transitionsmedizin.

„Viele Herausforderungen unserer Gegenwart bestehen darin, dass wir mit immer komplexeren Informationen und Fachbegriffen eine breite Bevölkerung erreichen müssen. Die Kulturwissenschaften bringen hier eine große Expertise mit, wenn man sich darauf einlässt, gemeinsam kooperativ und kreativ zu denken“, sagt Laura Niebling. 

Auch das Comic-Seminar mit Miriam Banas steht im Kontext größerer gemeinsamer Bestrebungen um die betriebsmedizinische Vorsorgereihe in Regensburg, auf die sich beide für den Sommer 2026 vorbereiten.

Die Dozentinnen kennen sich aus dem Mentoring-Programm Mentoring.UR.

Miriam Banas leitet das Programm. Sie ist Stellvertretende Beauftragte der UR für die Gleichstellung von Frauen in Wissenschaft und Kunst der Universität Regensburg. Laura Niebling war Mentee der neunten Staffel. Man war sich einig, dass Medizin und Medienwissenschaften im Bereich der Wissenschaftskommunikation sehr gut kooperieren könnten. 

Der Kontakt zu Sophie Nicklas entstand zufällig, im privaten Kontext, bei einem Nachbarschaftsgespräch. „Als ich hörte, was Sophie macht, sagte ich spontan – die brauch‘ ich“, scherzt Miriam Banas. 

Die Forschung verweist darauf, dass eine eigene Krankheit zu erkennen oder sie im Gespräch mit medizinischem Personal zu verstehen, kein simpler Kommunikationsvorgang ist. Bedeutsam sind auch soziale Rollen, kulturelles und gesellschaftliches Wissen sowie Medienkompetenz, etwa bei der Nutzung von Broschüren, Ratgebern oder dem Internet. 

Zugleich wird das medizinische Fachwissen immer komplexer, so dass sogar eine Medizinkommunikation innerhalb der Medizin zunehmend zur Herausforderung wird. Comics können sie durch ihre Verbindung von Text und Bild mildern. Bei Themen wie Burn-out oder Depressionen sind sie bereits im Einsatz.

Den ersten Einstieg ins Zeichnen schafft Sophie Nicklas mit dem Umknickspiel, wie sie es nennt: Die erste Person schreibt einen Satz, gibt an die nächste weiter, die ein Bild dazu zeichnet. Dann wird der erste Satz umgeknickt. Nun braucht es wieder einen Satz – der muss aber zum nun textlosen Bild passen. Die Papiere wandern Runde um Runde, das Eis ist gebrochen, die Stimmung gut. „Das Wichtigste ist,“ sagt Sophie Nicklas, „dass man Spaß dran hat“. 

Die gestiefelte Katze nickt und greift zum Stift.

Das Ergebnis nach zwei intensiven ganztägigen Zeichen-Workshops: Es soll ein Comic entstehen, das eine längere Patientengeschichte erzählt. 

Darin soll ein Faltblatt für alle Altersgruppen seinen Platz finden, das als Einleger konzipiert ist und unabhängig vom Comic zentrale Infos bereithält. 

Der Arbeitstitel: „Niere: die geheime Superheldin des Körpers“. 

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