Rund 17 Prozent aller Grundschulkinder sind psychisch belastet. „Allgemeine Daten für Deutschland weisen darauf hin, dass etwa ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen mit einer psychischen Störung leben“, so schätzt das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.  Angststörungen gehören dabei zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Sie beeinflussen nicht nur den Alltag, sondern können auch das Risiko für psychische Probleme im Erwachsenenalter erhöhen. Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie Angst entsteht, wie Stress im Körper wirkt und welche biologischen Mechanismen dahinterstecken.
 

Prof. Dr. Stephanie Kandsperger ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und arbeitet als kommissarische Ärztliche Direktorin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik &Psychotherapie der Universität Regensburg am medbo Bezirksklinikum Regensburg. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung unter anderem mit psychischen Erkrankungen wie Angst und Depression bei Kindern und Jugendlichen sowie damit, wie Stress im jungen Gehirn wirkt. Als Medizinerin verbindet sie klinische Erfahrung mit aktueller Forschung und gibt ihr Wissen an zukünftige Mitarbeiter im medizinischen und psychologischen Dienst weiter.
In einer aktuellen Studie hat sie untersucht, wie Jugendliche mit und ohne Angststörung auf psychosozialen Stress reagieren – und welche Rolle dabei die Hormone Oxytocin und Cortisol spielen. 

Die Ergebnisse liefern neue Einblicke in die Funktionsweise des kindlichen und jugendlichen Stresssystems und zeigen, warum die Erholungsfähigkeit nach Stress ein entscheidender Faktor für die psychische Gesundheit sein könnte.
 

Das Interview richtet sich besonders an alle, die sich für Psychologie, Medizin, Pädagogik oder Neurowissenschaften interessieren – und an alle, die verstehen möchten, wie eng Emotionen, Hormone und Gehirnprozesse miteinander verknüpft sind.
 

Frau Prof. Kandsperger, Sie haben Angststörungen bei Kindern untersucht. Wieso gerade dieses Thema? 
Angststörungen sind die häufigsten psychiatrischen Erkrankungen im Kindesalter und stellen ein hohes Risiko für psychische Störungen im Erwachsenenalter dar. Da sie die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, ist ein besseres Verständnis ihrer Pathophysiologie und Entstehung notwendig.

Welchen Zusammenhang zwischen Angst und Stress gibt es?
Die neuronalen Netzwerke von Angst und der Stressantwort interagieren und überlappen sich auf verschiedenen Ebenen im Gehirn. In der Studie zeigte sich zudem eine Diskrepanz: Jugendliche mit Angststörungen empfanden subjektiv deutlich mehr Stress und Angst als die Kontrollgruppe, obwohl ihre hormonellen Reaktionen (Oxytocin/Cortisol) ähnlich ausfielen.

Welche Rolle spielen dabei Oxytocin und Cortisol? 
Oxytocin ist bekannt für seine angstlösenden und stresslindernden Effekte. In der Studie fungierte es als wichtiger Marker für die Erholung nach Stress.
Cortisol spiegelt die Aktivität der HPA-Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) wider. Ein höherer Oxytocin-Anstieg nach Stress war mit einer besseren Cortisol-Erholung (schnelleres Absinken des Stresshormons) verbunden.

Welche Aussage lässt die Studie zum Thema Stress zu? 
Oxytocin ist ein konsistenter Stressmarker, der unabhängig von einer Angststörung ansteigt. Die Studie belegt, dass psychosozialer Stress (hier durch eine experimentelle Stressinduktion mit dem weltweit bewährten Trier Social Stress Test ausgelöst) bei allen Probanden zu einem signifikanten Anstieg von Oxytocin und Cortisol führt. Oxytocin scheint dabei weniger die unmittelbare Stressreaktion zu dämpfen, sondern vielmehr die Regeneration danach zu fördern. 

Was sagt ihre Studie darüber aus, wie Jugendliche mit einer Angststörung am besten behandelt werden? 
Die Studie liefert keine direkte klinische Behandlungsempfehlung, deutet aber darauf hin, dass die Co-Regulation zwischen Oxytocin, der Cortisol-Erholung und dem subjektiven Stresserleben entscheidend ist. Ein besseres Verständnis dieser Mechanismen könnte langfristig neue pharmakologische Ansätze ermöglichen. Da die Jugendlichen mit Angststörungen eine langsamere Cortisol-Erholung zeigten, könnte die gezielte Unterstützung der Stressbewältigung und Erholungsfähigkeit ein wichtiger therapeutischer Ansatz sein.

Welche wichtigen Fragen bleiben nach dieser Studie offen und sollten weiter untersucht werden? 
Es soll weiter erforscht werden, wie Oxytocin und die HPA-Achse bei verschiedenen psychischen Störungen, Altersgruppen und Pubertätsstadien interagieren. Es bleibt bisher offen, welchen Einfluss Geschlechtshormone und Psychopharmaka genau auf diese Prozesse haben. Zudem muss in großangelegten klinischen Studien geprüft werden, ob die gezielte intranasale Gabe von Oxytocin die Erholungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen mit Angststörungen signifikant und sicher verbessern kann.
 

Glossar:

Oxytocin: Hormon, das soziale Bindung, Vertrauen und Stressregulation beeinflusst
Cortisol: zentrales Stresshormon, Teil der HPA-Achse
HPA-Achse: wichtiges Stresssystem im Körper 
Trier Social Stress Test: weltweit etablierter Labortest zur Stressinduktion

Kurz und knapp: Warum dieses Thema wichtig ist 

• Angststörungen sind häufigste psychische Erkrankung im Kindesalter
• Erste Symptome oft schon im Grundschulalter
• Stressregulation entwickelt sich bis ins junge Erwachsenenalter
• Frühe Behandlung hilft, spätere Erkrankungen zu verhindern
 

So lief die Studie ab

Design: Experimentelle Vergleichsstudie mit psychosozialer Stressinduktion
Teilnehmende: 32 Jugendliche mit Angststörungen und 32 gesunde Kontrollpersonen (11–18 Jahre)
Experimentelle Stressinduktion: Trier Social Stress Test (TSST)
Messungen: Speichel‑Oxytocin und ‑Cortisol, subjektive Erfassung von Stress und Angst, Herzfrequenz
Messzeitpunkte: Vor Stress, während Stress, Erholungsphase
Zentrale Analysen: Stressinduzierte Oxytocin‑ und Cortisolreaktionen sowie Zusammenhänge mit subjektivem Stresserleben

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