Tradwives und Strongmen

Die Frau in der Schürze am Nudelbrett schwärmt von ihrer Rolle der Haus- und Ehefrau. Sie tut für ihren „Prinzen“ alles und will selbst traditionelle Gattin sein, ein „traditional wife“, kurz „tradwife“. Sie wirbt mit Dutzenden anderer Tradwives für die Hausfrauenehe im Stil der 1950er und 1960er Jahre. Millionen von Social-Media-Begeisterten folgen ihnen.
Tradwives bedienen auch rechtspopulistische Strömungen weltweit.
Die populistischen Bewegungen des rechten politischen Spektrums in USA und Europa haben Geschlecht auf die Tagesordnung gesetzt. Sie propagieren hierarchisierte und arbeitsteilige Differenz als Ideal.
PD Dr. Gabriele Dietze von der Humboldt-Universität Berlin verdeutlichte das am 14. Juli 2025 in den Gender Lectures Regensburg in ihrem Vortrag über „Strongmen und Tradwives. Rechtspopulistische Familien- und Sozialpolitik“.
Dr. Nicole Cucit (Koordinatorin des Zusatzstudiums Genderkompetenz an der Universität Regensburg) eröffnete die Veranstaltung gemeinsam mit Professorin Dr. Clarissa Rudolph (Leiterin des Zusatzstudiums Genderkompetenz an der OTH Regensburg und dort Frauenbeauftragte der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften).
Gabriele Dietze erläutert die aktuellen Trends anhand zweier Geschlechterkonzeptionen, die seit 2018 vor allem in den USA und in Großbritannien bereits weit verbreitet sind, aber auch in Deutschland zunehmend an Einfluss gewinnen: Tradwives und Strongmen. Sie gehören konzeptuell zusammen, greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig, erläutert die Referentin:
„Ihr gemeinsames Feindbild ist die Feministin.“
Wir erinnern uns: Strongmen sind die kantigen, kraftstrotzenden Athleten, die Lkws mit einem Lederriemen um den Leib von der Straße ziehen. Heute kämpfen Männer in den USA unter Führung des Strongman Number One dafür, dass die Welt wieder zwei Geschlechter hat, Heteronormativität gilt, Sprach-Anpassungen als „Gender-Ideologie“ verdammt und Gender Studies als Fach abgeschafft werden.
Der US-Soziologe Michael Kimmel eröffnete bereits 2013 eine Diskussion um das Thema und Verständnis von Männlichkeit mit seiner Studie „Angry White Men“. Er erweiterte seine Beobachtungen nach dem ersten Präsidentschafts-Wahlsieg von Donald Trump um das Modell der „Strongmen“. Die Geschlechterforschung konstatiert, dass von den Strongmen zwischenzeitlich eine Art „seductive power“ ausgeht.
Was zeichnet Strongmen in den 2020ern aus?
„Sie verfügen über Frauen, sie machen schlechte Geschäfte und sie behaupten die Macht, die Kommunikation zu dominieren“, fasst Dietze zusammen. Rassisten, Sexisten, Holocaust-Leugner wie Nick Fuentes („Your body, my choice!“) dinieren mit dem US-Präsidenten. Ein unfassbares Missbrauchsmodell wie Andrew Tate‘s „War Room“ findet zahllose zahlende Mitglieder. Verbrechen starker Männer werden in den USA zunehmend auch über den Einsatz von Staatsanwaltschaft und Justiz zu Nicht-Verbrechen. Eine neue Qualität der Verhältnisse, sagt Dietze.
Strategien, die darauf abzielten, die Teilhabe von Gruppen zu erhöhen, die in der Vergangenheit systematisch benachteiligt wurden, etwa durch Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Beschäftigung und Politik, wurden in den USA unlängst beendet. Affirmative action wurde ebenso wie DEI – ein Programm für Vielfalt, Gerechtigkeit, Inklusion - abgeschafft.
Auch im rechten politischen Spektrum Europas ist das die – zunehmend erfolgreiche - Tendenz. Populistische Parteien emotionalisieren die Diskussionen um diese Themen, sie schüren Angst und bauen Chimären auf, sehen gottesfürchtige brave Bürger von "wokeness" bedroht und loben den Autoritarismus. Professorinnen, die sich mit Geschlechterfragen beschäftigen, will auch die deutsche Rechte rausschmeißen. Politikerinnen an der Spitze der rechten Parteien, man denke neben Deutschland an Frankreich oder Italien, sollen dem Rechtspopulismus die Spitze nehmen. Paradoxerweise agierten sie auch als Vorbilder für die emanzipierte Frau, sagt Dietze.
Den Vorwurf des Linkspopulismus eines Herrn aus dem Publikum, der findet, dass für die Frauen schon viel erreicht wurde (!), nimmt die Rednerin gelassen. Sie erläutert geduldig, dass es in ihrem Vortrag nicht darum gehe, jemandem freies Entscheiden abzusprechen, wie man leben möchte. Es gehe ihr auch nicht darum zu bewerten, ob jemand Kinder will oder nicht, in Elternzeit geht oder nicht, zu Hause bleiben einem Job vorzieht. Um all das geht es nicht!
Es geht Dietze darum, aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Missstände und sozio-ökonomische Schwierigkeiten zum Vehikel für eine rechtspopulistische Familien- und Sexualpolitik werden. Es geht darum, aufzuzeigen, wie dies mit Social-Media-Trends korrespondiert, wie die Dinge sich gegenseitig befördern, auch nicht zufällig sind.
Es sind Tatsachen, dass Frauen in vielen Teilen der Welt die Ernährerinnen, die breadwinner ihrer Familien sind, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer, dass Frauen schlechtere berufliche Aufstiegsmöglichkeiten haben als Männer, dass Frauen mehr Care-Arbeit in Familie und Gesellschaft übernehmen als Männer.
Warum ist bereits der Hinweis auf solche Fakten in rechtskonservativen und rechten politischen Bewegungen ausreichend, um als „Emanze“, als „Feministin“, als „childless catlady“ bezeichnet zu werden?
Warum ist Frauenfeindlichkeit wieder schick?
Gabriele Dietze vermutet, dass die zweite Welle des Feminismus, die in den 1960er und 1970er Jahren in vielen westlichen Ländern aufkam und sich auf die rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte von Frauen konzentrierte, „zu erfolgreich“ war.
In den vergangenen Jahrzehnten forderten (nicht nur) Frauen Gleichstellung in Beruf und Bildung, sie pochten auf das Recht am eigenen Körper, sie wehrten sich gegen das „Kavaliersdelikt“ häusliche Gewalt. Die Bewegung war stark von den studentischen und Bürgerrechtsbewegungen ihrer Zeit beeinflusst.
Frauen wurden erfolgreicher und gewannen bis in die 2010er Jahre zumindest in den USA und Westeuropa an Einfluss – beruflich, politisch, gesellschaftlich.
Für Männer weltweit gab es aber zwischenzeitlich wohl den Kipppunkt: „Männer müssen ihre Männlichkeit wiederentdecken“, zitiert Dietze einen deutschen AfD-Politiker. Sie müssten wieder „mannhaft“ werden. Denn nur wer „mannhaft“ sei, sei auch „wehrhaft“, „und wir müssen wehrhaft werden“, so seine Parole.
Wenn die Löhne nicht hoch genug sind, dass sich der Familienvater als „Ernährer“ fühlen und damit seine Autorität begründen könne, werde nicht das Versagen sozialer Gerechtigkeit oder zu niedrige Mindestlöhne als Grund dafür thematisiert, sagt Dietze, „sondern eine Maskulinitätskrise behauptet“.
Zugleich werden Migranten und gut ausgebildete Frauen beschuldigt, die guten Jobs zu bekommen und sie den hart arbeitenden Familienvätern wegzunehmen. Populistische Programme übersetzen so strukturelle Probleme in rückwärtsgewandte Geschlechterpolitik. Die Referentin attestiert dieser Entwicklung eine Täter-Opfer-Umkehr.
Vaterschaft ist dabei ein wichtiges Moment.
Sie lässt sich nur sichern, wenn man den Frauen das Recht auf Abtreibung nimmt – Trump gewann über dieses Thema Millionen von Wählerstimmen. Dietze erzählt, dass im anglo-amerikanischen Raum vielfältige Lobbygruppen mit enttäuschten Väter sich in der „manosphere“ zusammenschließen. Sie gehen gegen Familiengerichts-Entscheidungen vor, in denen in der Regel Frauen das Sorgerecht zugesprochen wird. Das Phänomen der „verweigerten Vaterschaft“ korrespondiert bei diesen Aktivisten mit Anti-Feminismus.
Verschiedene Formen von Diskriminierung und Benachteiligung (zum Beispiel aufgrund von Geschlecht, Alter, Hautfarbe oder sexueller Orientierung) greifen bei all diesen Trends zunehmend ineinander. Die Forschung spricht von Intersektionalität, wenn soziale Fragen auf Geschlechterfragen verschoben und mit diskriminierenden und rassistischen Botschaften verknüpft werden. Gabriele Dietze hat viele Beispiele: „Neue Deutsche? Machen wir selber!“ steht da auf einem Wahlwerbeplakat der rechten Partei, die in Deutschland nach der Macht greift.
Populismus flutet die Gesellschaft mit Gefühlsbotschaften.
Kinderreichtum ist im Rechtspopulismus ein großes Thema, stellt die Referentin fest. Nicht-gebärende weiße Frauen werden als Verräterinnen begriffen und als „Femi-Nazis“ beschimpft: „Die populistische Hysterie über die Kinderlosigkeit weißer Frauen und Abtreibung ist auch Ausdruck demographischer Panik, dass die ethno-nationale Bevölkerung aussterben wird und die Zugewanderten die Mehrheit werden könnten“, sagt Dietze. So bewege man handfeste machtpolitische Interessen über die Emotionalisierung und Polarisierung von Geschlechterfragen in die gewollte Richtung.
Die Forscherin zeigt verstörende Social-Media-Posts über ‚White baby challenges‘ in den USA. Möglichst viele Kinder zur Welt zu bringen und den weißen Mann vor dem Aussterben zu retten wird zur Aufgabe, etwa der Stay-at-home-girlfriends auf TikTok. Eine „anschwellende Bewegung“, sagt Dietze, die in der Regel jüngere Frauen anspricht als die Tradwives. Eine bedeutende Gruppe der Girlfriends haben Ehemänner aus der Alt-Right. Sie avancieren zum Bindeglied zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus.
Dietze bleibt trotz aller Hinweise, die sie gibt, vorsichtig, will nicht von „faschistischen Archaismen“ sprechen, nach denen aus dem Publikum gefragt wird. Es gebe bestimmte Images, die aber häufig auch mit dem Zeitgeist korrespondierten, sagt die Referentin.
Vieles, glaubt Dietze, habe auch mit gesellschaftlichen Missständen zu tun – etwa der ständigen Überlastung von Frauen, bei denen nach wie vor neben Beruf die Hauptlast des Kümmerns um die Familie liegt.
Traditionelle Machtverhältnisse werden attraktiv gemacht, indem sich entspannte glückliche Frauen auf Social Media als Gegenbild gestresster emanzipierter berufstätiger Mütter präsentieren, sagt die Wissenschaftlerin. „Bloody delicious“ scheint das Tradwife-Leben, wenn man an den eigenen chaotischen Haushalt denkt, zitiert Dietze eine Journalistin von The Guardian.
In Sachen Geschlechter gibt es noch vieles zu erforschen.
Aktuell sind die meisten Studien zu Tradwives ideologiekritisch, erklärt Dietze. Sozialwissenschaftliche Analysen, etwa zu Einkommen, Bildung, Familienstand dieser Frauen gibt es bislang kaum. Die Referentin erinnert aber daran, dass sie als Influencerinnen wiederum auch erfolgreiche Unternehmerinnen sind. Sie polarisieren ob ihrer Ultra-Femininität – sie ordnen sich unter. Aber sie verkaufen aber auch Marmelade, Bett- und Tischwäsche. So sind sie doch berufstätig.
„Eine affektive Aufladung der angeblich natürlichen Gegensätzlichkeit von Geschlecht ist ein geeignetes Instrument politischer Polarisierung“, fasst Dietze zusammen. Die Installation populistischer Retro-Geschlechterordnungen ist aus ihrer Sicht ein Mittel: „Es soll ethno-national weiße Nationen erhalten und vergrößern. Ökonomische und soziale Probleme sollen nicht als Versagen des Kapitalismus erkannt werden, sondern als Ergebnisse einer von einer woken Elite aufoktroyierten unnatürlichen Geschlechterordnung gelten. Migration soll dabei als sexuelle Gefahr dargestellt werden, um Ausweisung als Schutzmaßnahme weißer Frauen gelten zu lassen.“
Links
Über PD Dr. Gabriele Dietze
Über die Vortragsreihe Gender Lectures Regensburg
Zum Thema Chancengleichheit an der Universität Regensburg
Über Dr. Nicole Cucit
Über Prof. Dr. Clarissa Rudolph
UR Research Dynamics in the Global World
UR Themen #gendermatters
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