Wie lässt sich Vergessen aufhalten – zumindest vorübergehend? Eine aktuelle Studie zeigt, dass Erinnerungen wieder besser abrufbar werden können, wenn es gelingt, den zeitlichen Kontext ihrer Entstehung mental zurückzuholen. Dieser Prozess ähnelt einer „mentalen Zeitreise“ und führt zu einer Art Verjüngung der Erinnerungen – mit dem Effekt, dass danach auch wieder schnelleres Vergessen einsetzt.
Im Interview erklärt Prof. Karl-Heinz Bäuml, wie diese Effekte im Experiment nachgewiesen wurden, welche Rolle der zeitliche Abstand zur ursprünglichen Erinnerung spielt und wie sich die Erkenntnisse auf Alltag, Schule und Therapie übertragen lassen. Karl-Heinz Bäuml hat den Lehrstuhl für Kognitions- und Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Regensburg inne.

Prof. Bäuml, in Ihrer Studie beschreiben Sie die Wiederherstellung alter Erinnerungen als eine Art "Sisyphosarbeit". Was genau meinen Sie mit diesem Bild, und warum ist es so passend für das menschliche Gedächtnis?

Gemäß der griechischen Mythologie rollt Sisyphos ständig einen schweren Stein einen Berg hinauf, nur um beim Erreichen des Gipfels festzustellen, dass der Stein denselben Berg wieder hinabrollt. Wenn wir uns den Gipfel eines solchen Bergs als unsere Gedächtnisleistung für kurz vorher eingespeicherte Gedächtnisinhalte vorstellen, dann beginnt kurz nach dem Einspeichern das Vergessen dieses Inhalts - der Stein rollt den Berg hinab. Wenn es uns später dann gelingt, den zeitlichen Kontext beim Einprägen des Materials mental wiederherzustellen, so rollen wir den Stein quasi wieder den Berg hinauf – verbessern unser Erinnerungsvermögen -, nur um festzustellen, dass der Stein sofort wieder hinabrollt - Vergessen von Neuem einsetzt. So wie bei Sisyphos der Stein ständig denselben Berg hinab- und hinaufrollt, so "rollt" unser Erinnerungsvermögen ständig dieselbe Vergessenskurve hinab und hinauf.

Sie sprechen davon, dass das mentale Wiederherstellen des ursprünglichen zeitlichen Kontexts Erinnerungen „verjüngen“ kann. Wie genau funktioniert diese mentale Zeitreise?

Eine mentale Wiederherstellung des ursprünglichen zeitlichen Kontexts kann wenigstens über zwei Methoden erreicht werden: einerseits durch das aktive, willentliche Erinnern kontextueller Details beim Einspeichern der Inhalte, und andererseits durch das Erinnern anderer Inhalte, die unter einem ähnlichen Kontext eingespeichert wurden. In beiden Fällen wird das Erinnern im Allgemeinen erleichtert. Der dabei resultierenden Verjüngung der Gedächtnisinhalte liegt vermutlich zugrunde, dass eine erfolgreiche mentale Wiederherstellung des ursprünglichen zeitlichen Kontexts dazu führt, dass einige der ursprünglich eingespeicherten – und inzwischen vergessenen – Gedächtnisinhalte wieder reaktiviert werden können und für diese dann eine Art Neustart beginnt. Ein höherer beobachteter Grad an Verjüngung für die eingespeicherten Inhalte geht dabei einher mit einem höheren Anteil an reaktivierten Gedächtnisinhalten.

Wie lässt sich „zeitlicher Kontext“ in einer Studie messen und nutzen?

Der zeitliche Kontext ist ein Begriff, der die externalen und internalen Umstände einer Person beim Einspeichern von Inhalten, etwa eines Films, beschreibt. Zum Beispiel den Raum, in dem sich eine Person befindet, während sie einen Film schaut, sowie die anderen Personen in dem Raum, die denselben Film schauen; der aktuelle emotionale Zustand einer Person am Anfang des Films, ihre Erwartungshaltung an den Film und so weiter. Diese Art von Kontext verändert sich allmählich mit der Zeit ("contextual drift") und die Unterschiede im zeitlichen Kontext zwischen Einspeichern und Abruf sind entscheidend dafür, wie gut wir uns an das Eingespeicherte erinnern können: sind die Unterschiede klein, ist das Erinnern gut, sind die Unterschiede groß, ist es eher schlecht. Da die Unterschiede mit der Zeit zunehmen, entsteht Vergessen. Mentale Kontextwiederherstellung macht die Unterschiede wieder kleiner und verbessert so unser Erinnern.

Die Studie basiert auf zwei Experimenten mit insgesamt über 1.200 Teilnehmenden. Wie haben Sie die beschriebenen Effekte in Ihren Experimenten gemessen?

Die Experimente in dieser Studie waren behaviorale Experimente, in denen Probanden sich anfangs eine Wortliste oder einen Prosatext einprägten und wir sie dann zu unterschiedlichen Zeitpunkten und unter unterschiedlichen experimentellen Bedingungen gebeten haben, möglichst viel von dem anfangs eingeprägten Material zu erinnern. Daraus haben wir für alle Bedingungen die Erinnerungsniveaus unserer Probandengruppen abgeleitet.

Wie wurde kontrolliert, dass der beobachtete Effekt tatsächlich auf die mentale Zeitreise zurückzuführen ist und nicht auf andere Faktoren (z. B. Wiederholungen, Aufmerksamkeit, Motivation)?

Das experimentelle Design umfasste in jedem der beiden Experimente vier zentrale Bedingungen. Eine Kontrollbedingung, in der Probanden kurz nach dem Einprägen oder in variierenden zeitlichen Abständen zwischen Einprägen und Test das Material wiedergeben sollten, ohne zusätzliche mentale Kontextwiederherstellung. Und aus drei experimentellen Bedingungen, in denen Probanden entweder 4 Stunden oder 24 Stunden oder 7 Tage nach dem Einprägen versuchen sollten, den ursprünglichen zeitlichen Kontext mental wiederherzustellen. Diese Probanden sollten dann kurz nach der mentalen Kontextwiederherstellung oder in variierenden zeitlichen Abständen zwischen Kontextwiederherstellung und Test das ursprüngliche Lernmaterial wiedergeben. In allen vier Bedingungen konnten wir so das Erinnerungsvermögen der Probanden kurz nach dem Einprägen bzw. kurz nach der Kontextwiederherstellung sowie das jeweils folgende Vergessen abschätzen.

Inwiefern unterscheiden sich die verjüngten Erinnerungen tatsächlich von frisch kodierten Erinnerungen? Ist die Verjüngung nur kurzfristig oder kann sie langfristig wirken?

Wenn Gedächtnisinhalte altern, verringert sich ihre Erinnerbarkeit ebenso wie ihre zukünftige Vergessensrate. Letzteres hat damit zu tun, dass über die Zeit Konsolidierungsprozesse aktiv sind, welche die Inhalte zunehmend stabilisieren und so vor weiterem Vergessen schützen. Mentale Kontextwiederherstellung kehrt nun beide Prozesse um: Sie erhöht die unmittelbare Erinnerbarkeit und erhöht das zukünftige Vergessen über die Zeit, relativ zu einer Situation in der nach 4 Stunden, 24 Stunden oder 7 Tagen keine Kontextwiederherstellung stattfindet. In diesem Sinne verjüngt Kontextwiederherstellung die Gedächtnisinhalte. Dabei lässt sich auf der Basis unserer Befunde für jede der drei Wiederherstellungsbedingungen ein Verjüngungsniveau quantifizieren. Wir finden ein sehr hohes Verjüngungsniveau, wenn die Kontextwiederherstellung nach 4 Stunden stattfand, und ein leicht reduziertes Niveau nach 24 Stunden und deutliche reduzierte Niveaus nach 7 Tagen. Diese Niveaus reflektieren vermutlich die unterschiedlichen Anteile an reaktivierten Gedächtnisinhalten in den drei Bedingungen.

Ein zentrales Ergebnis Ihrer Arbeit ist, dass nach einer erfolgreichen Kontextwiederherstellung Erinnerungen nicht nur leichter abrufbar sind, sondern auch wieder schneller vergessen werden – ähnlich wie nach ihrer ursprünglichen Kodierung. Ist das ein Nachteil oder möglicherweise sogar ein Vorteil?

Man könnte meinen, dass die erhöhte Vergessensrate nach erfolgreicher Kontextwiederherstellung einen Nachteil darstellt. Aber faktisch wird, aufgrund des insgesamt deutlich erhöhten Erinnerungsniveaus, das Erinnerungsvermögen nach Kontextwiederherstellung niemals unter das Erinnerungsvermögen ohne Kontextwiederherstellung fallen. Insofern bringt eine erfolgreiche Kontextwiederherstellung eigentlich nur Vorteile.

Welche Rolle spielt die zeitliche Distanz zur ursprünglichen Erinnerung bei der Wirksamkeit von Wiederherstellung? Gibt es einen "point of no return", ab der eine Verjüngung nicht mehr möglich ist?

Für die Wirksamkeit von Wiederherstellung spielt die zeitliche Distanz zum Zeitpunkt der Einprägung der Inhalte eine wichtige Rolle. Unsere Befunde legen zwar nahe, dass bis zu einer zeitlichen Distanz von ca. 4 Stunden Wiederherstellungen nahezu perfekt sein können, bei zeitlichen Distanzen von mehreren Tagen oder gar Wochen fallen Wiederherstellungen dann jedoch deutlich schwerer. Wann für Gedächtnisinhalte der "point of no return" einsetzt, dürfte stark variieren. Werden Inhalte unter einem reichhaltigen zeitlichen Kontext eingespeichert (etwa einer grandiosen Geburtstagfeier), so mag dieser Punkt auch noch nicht nach Jahren erreicht sein. Werden die Inhalte hingegen unter einem recht alltäglichen zeitlichen Kontext eingespeichert (etwa einem normalen Bürokontext während der Arbeit), so mag dieser Punkt schon deutlich früher erreicht sein.

Was bedeuten Ihre Forschungsergebnisse für das schulische oder universitäre Lernen? Kann man durch bewusstes Wiederherstellen des Lernkontexts effektiver lernen oder Inhalte besser behalten?

Befunde mit experimentellen Designs ähnlich dem in unserer Studie verallgemeinern sich typischerweise auf realere Situationen des täglichen Lebens. Insofern lassen sich unsere Befunde vermutlich auch auf schulisches oder universitäres Lernen verallgemeinern. Mentale Kontextwiederherstellung kurz vor einer Prüfung sollte sich entsprechend positiv auf das Erinnern gelernten Materials bei der Prüfung auswirken.

Haben Ihre Befunde praktische Implikationen für das Lehren? Können Lehrkräfte damit Strategien für ein besseres Lernen entwickeln?

In Vorlesungen oder auch Seminaren beobachten Lehrkräfte des Öfteren, dass sich die Studierenden nicht mehr so recht an die letzte Sitzung erinnern können, was oftmals das Integrieren von altem und neuem Stoff erschwert. Die aktive Wiederholung des alten Stoffs gleich am Anfang der Vorlesung oder des Seminars, sei es durch willentliche Kontextwiederherstellung oder auch den Versuch, zumindest Teile des alten Stoffes wieder zu erinnern, sollte sich dabei positiv auf die Aktivierung des gesamten alten Stoffes auswirken.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre Erkenntnisse auch in der Psychotherapie oder im Coaching Anwendung finden – etwa bei der Verarbeitung alter Erinnerungen oder bei Lernblockaden?

Wo immer es hilfreich sein könnte, alte Gedächtnisinhalte wieder zum Leben zu erwecken, können unsere Methoden einen potenziell positiven Beitrag leisten.

Sie sprechen von „Verjüngungszyklen“, die durch wiederholte Kontextaktivierung entstehen können. Bedeutet das, dass regelmäßiges „mentales Zurückgehen“ Erinnerungen dauerhaft stabilisieren kann?

Nachdem nach jeder mentalen Kontextwiederherstellung Vergessen von Neuem einsetzt, kann man die Erinnerbarkeit von Gedächtnisinhalten nur dadurch hochhalten, dass man immer wieder Wiederherstellungsversuche startet. Es ist wie bei Sisyphos: Der Stein muss immer wieder nach oben gerollt werden ...

In Zeiten digitaler Überflutung fragen sich viele: Wie kann ich mein Gedächtnis gezielt trainieren? Haben Sie auf Basis Ihrer Forschung einen konkreten Tipp für Menschen, die sich besser erinnern möchten?

Unser Gedächtnis ist vermutlich nur sehr bedingt trainierbar. Eher kann man bestimmte Strategien verwenden, um die Qualität der erzeugten Gedächtnisinhalte zu verbessern. Da spielt zum Beispiel die Anbindung neuer Inhalte an bereits in unserem Gedächtnis existierende Inhalte eine große Rolle oder eine wiederholte Abrufübung von Inhalten kurz nach ihrer Einspeicherung. Mentale Kontextwiederherstellung mag dann auch noch hilfreich sein für das Erinnern, zumindest wenn es um die Reduktion von Vergessen geht.

Gab es in Ihrer Studie etwas, das Sie selbst überrascht hat oder das nicht mit Ihrer ursprünglichen Hypothese übereinstimmte?

Ein zentraler Befund unserer Studie ist es, dass das Vergessen nach einer Kontextwiederherstellung demselben Verlauf folgt wie das Vergessen direkt nach dem Einprägen. A priori war dies eine Möglichkeit, allerdings hätten viele Gedächtnisforscher:innen sicherlich eher damit gerechnet, dass wieder aufgefrischte Gedächtnisinhalte eher etwas fragiler sind und entsprechend schneller wieder vergessen werden. Dass die Inhalte mit und ohne Kontextwiederherstellung demselben Verlauf folgen, war in diesem Sinne durchaus eine Überraschung – auch für mich.

Gibt es bereits Folgeforschungen oder Pläne, Ihre Arbeit weiter auszubauen – zum Beispiel im Hinblick auf emotionale Erinnerungen, autobiografisches Gedächtnis oder künstliche Intelligenz im Lernkontext?

Die naheliegendste Aufgabe dürfte es meines Erachtens sein, zu untersuchen, inwieweit die Reichhaltigkeit des zeitlichen Kontexts beim Einspeichern von Inhalten wirklich Verjüngungsprozesse beeinflusst. Ich erwarte große Unterschiede. Aber sie zu zeigen ist durchaus eine trickreiche und umfangreichere experimentelle Aufgabe.

Zusammenfassung

Die Studie zeigt, wie eng unser Erinnerungsvermögen mit dem zeitlichen Kontext verknüpft ist, in dem Informationen ursprünglich gelernt wurden. Wenn es gelingt, diesen Kontext später mental wiederherzustellen – etwa durch das Erinnern an die damalige Umgebung, Stimmung oder begleitende Gedanken –, können zuvor vergessene Inhalte reaktiviert werden. Dadurch wird das Gedächtnis kurzfristig gestärkt, verliert diese Inhalte jedoch wieder nach einem ähnlichen Muster wie nach dem ursprünglichen Lernen. Besonders wirkungsvoll ist dieser Effekt, wenn der zeitliche Abstand zum erstmaligen Lernen 24 Stunden nicht übersteigt.

Was wir daraus über das Erinnern lernen:

  • Erinnerungen hängen stark vom ursprünglichen Kontext ab – je ähnlicher die Abrufsituation der Lernsituation ist, desto besser gelingt das Erinnern.
  • Das Wiederherstellen des ursprünglichen Kontexts kann Inhalte reaktivieren, selbst wenn sie scheinbar vergessen waren.
  • Erinnerungen lassen sich zwar „verjüngen“, sind danach aber auch wieder anfällig für Vergessen – es braucht also regelmäßige Reaktivierung.
     

Mögliche Strategien für nachhaltigeres Lernen:

  • Den Kontext der Lernsituation (z. B. Ort, Tageszeit, Stimmung) bewusst mitberücksichtigen, da er als späterer Abrufhinweis dienen kann.
  • Lerninhalte nicht nur wiederholen, sondern in zeitlichem Abstand aktiv abrufen, um die Erinnerungsleistung zu stärken.
  • Neue Informationen mit bereits bekannten Inhalten verknüpfen, um bessere Anknüpfungspunkte im Gedächtnis zu schaffen.
  • Kurze Wiederholungen in den Stunden und Tagen nach dem ersten Lernen einplanen, um Vergessen zu verlangsamen.
  • Vor Prüfungen oder Wiederholungen den ursprünglichen Lernkontext gedanklich rekonstruieren, um den Zugang zu gespeicherten Inhalten zu erleichtern.

Diese Erkenntnisse können beim Lernen in Schule, Universität oder beruflicher Weiterbildung helfen, die Erinnerbarkeit von Inhalten gezielt zu fördern.

Kontakt

Prof. Dr. Karl-Heinz T. Bäuml

Institut für Experimentelle Psychologie

Universität Regensburg 

E-Mail: karl-heinz.baeuml@ur.de

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