Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis stellen die moderne Medizin noch immer vor große Herausforderungen. PD Dr. Sigrid Bülow von der Universität Regensburg und ihr Team verfolgen im Projekt TBrake einen neuen therapeutischen Ansatz: Sie haben einen Antikörper entwickelt, der gezielt in einen neu entdeckten Signalweg von Entzündungsreaktionen eingreift und dabei überaktive Immunzellen dauerhaft beruhigen kann. Der Antikörper heisst wie das Projekt TBrake. Für ihren innovativen Ansatz wurde das Team mit dem renommierten m4 Award des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie ausgezeichnet. Die Förderung in Höhe von 500.000 Euro über zwei Jahre soll den Weg zu klinischen Studien ebnen. Im Interview gibt Dr. Bülow Einblicke in die wissenschaftlichen Hintergründe, die nächsten Schritte – und das Potenzial von TBrake über die rheumatoide Arthritis hinaus.

Frau Dr. Bülow, wie sind Sie auf die Idee gekommen, den neu entdeckten Signalweg als Therapieansatz bei rheumatoider Arthritis zu nutzen?

Ausgangspunkt unseres Projektes war zunächst die immunologische Grundlagenforschung. Als Medizinerin interessiere ich mich aber immer auch für die Translation der Ergebnisse in die klinische Anwendung. Entzündungen sind aus infektions-immunologischer Sicht sinnvoll, da sie zur Elimination von Krankheitserregern führen. Anders ist es, wenn die Immunantwort fehlgeleitet ist, z.B. bei Autoimmunerkrankungen. Dabei erkennt das Immunsystem Strukturen des eigenen Körpers als fremd und bekämpft diese. Ein Beispiel für eine solche Autoimmunerkrankung ist rheumatoide Arthritis. Schlüsselmomente meiner Forschung basieren auf der Erkenntnis, dass Immunzellen sehr fein abgestimmt miteinander kommunizieren. Die Anwendung bei rheumatoider Arthritis ist eine logische Folge dieser Erkenntnis - auch weil bei dieser Erkrankung der medizinische Bedarf nach neuen Behandlungsmethoden besonders offensichtlich ist.

Was unterscheidet Ihren Antikörper TBrake von bisherigen Medikamenten gegen rheumatoide Arthritis? 

Entzündungen sind keine rein lineare Abfolge von Signalen, sondern komplexe, stark regulierte Netzwerkreaktionen. Die beteiligten Zellen informieren sich dabei gegenseitig über Art und Ausdehnung der Gefahr. Nur wenn mehrere wichtige Sicherungsschalter aktiviert werden, erreicht die Entzündung ihr volles Ausmaß. Um eine unerwünschte Entzündung zu kontrollieren, ist es sinnvoll, an einem Punkt einzugreifen, der möglichst zentral im Entzündungsgeschehen liegt. TBrake blockiert dabei gezielt einen von uns neu entdeckten, pathologisch überaktivierten Signalweg, der Immunzellen dauerhaft im Entzündungsmodus hält. Bisher etablierte Biologika, wie TNF-Blocker, führen ebenfalls zu einer Dämpfung der Entzündungsreaktion, beseitigen aber nur einen Teil der Entzündung und sind somit häufig nicht ausreichend wirksam.

Wie breit könnte TBrake perspektivisch eingesetzt werden?

Der adressierte Signalweg ist wahrscheinlich bei zahlreichen chronisch-entzündlichen Erkrankungen pathologisch aktiviert – unter anderem bei Lupus erythematodes, Psoriasis, Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD) nach Stammzelltransplantation und entzündlichen Darmerkrankungen. Perspektivisch sehen wir daher in TBrake das Potenzial für einen breiteren Einsatz. Um das therapeutische Prinzip im Menschen zu beweisen, werden wir uns aber zunächst auf rheumatoide Arthritis konzentrieren.

Welche nächsten Schritte stehen nun in der zweijährigen Förderphase an? 

Ziel der Förderphase ist die biotechnologische Optimierung des Antikörpers – zum Beispiel hinsichtlich Bindungsstärke, Stabilität und Immunverträglichkeit. Parallel führen wir umfassende präklinische Wirksamkeits- und Sicherheitsstudien durch. Danach schließt sich der Prozess der anwendungskonformen Antikörperproduktion in größerem Maßstab an. Sofern wir diese Meilensteine planmäßig erreichen, ist ein Einstieg in die erste klinische Studie (Phase I) in ca. 4 Jahren möglich.

Welche Herausforderungen bestehen aktuell bei der biotechnologischen Optimierung und präklinischen Testung des Antikörpers?

Die Hauptaufgabe besteht darin, die hohe Spezifität des Antikörpers beizubehalten und gleichzeitig unerwünschte Immunantworten zu vermeiden. Dazu gehört die sorgfältige Humanisierung der Antikörperstruktur und die Validierung der biologischen Effekte in relevanten humanen Zellkultursystemen und geeigneten präklinischen Tiermodellen, die den humanen Signalweg bestmöglich nachbilden. Neben diesen labortechnischen Herausforderungen darf die wirtschaftliche Seite nicht vergessen werden. Die Entwicklung neuer Medikamente bedeutet einen hohen finanziellen Aufwand und erfordert eine vorausschauende Finanzplanung.

Der m4 Award ist sehr renommiert – was bedeutet diese Auszeichnung für Sie persönlich und für Ihr Team?

Als Forscherin motiviert mich, durch meine Arbeit biologische Prozesse besser zu verstehen und diese Erkenntnisse in klinische Anwendung zu bringen. Die Auszeichnung mit dem m4 Award ist für unser Team eine Anerkennung für jahrelange Forschung und bedeutet eine große Ehre. Die Finanzierung ist ein Investment der Gesellschaft in uns. Wir bedanken uns für dieses Vertrauen, indem wir den neuen Therapieansatz gemeinsam mit vollen Kräften vorantreiben. Auf diesem Weg stellt der m4 Award eine entscheidende Weiche.
 

Kontakt

PD Dr. med. Sigrid Bülow
Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und
Infektionsepidemiologie
Institut für Mikrobiologie und Hygiene
Universitätsklinikum Regensburg
Regensburg
Tel: +49 941 944-14638
E-Mail: sigrid.buelow@ukr.de

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